Zwischen Spaß und Stress - Alltag eines jungen Schiedsrichters
Per Felzel ist 17 Jahre alt und Schiedsrichter in der Bezirksliga. Er mag diesen Job. Doch der Alltag auf dem Platz zeigt auch die Schattenseiten des Amateurfußballs.
Ein Pfiff hallt über einen Fußballplatz im niedersächsischen Elstorf. Per Felzel hebt seinen Arm und signalisiert Abseits. Der 17-jährige leitet seit dieser Saison Spiele in der Bezirksliga - und das mit Freude, auch wenn er als Schiedsrichter mitunter einiges aushalten muss.
Sein Arbeitstag beginnt rund eine Stunde vor Anpfiff. Gemeinsam mit seinen Assistenten kontrolliert er den Platz, spricht mit den Verantwortlichen beider Mannschaften und wärmt sich auf.
"Ey, Schiri!" oder "Der hat schon Gelb"
Wenn das Spiel läuft, muss er dauerhaft fokussiert bleiben, auch wenn von außen gerufen wird. "Ey, Schiri!" oder "Der hat schon Gelb" sind dabei noch harmlos. Auch Spieler und Trainer greifen immer wieder in Entscheidungen ein.
Vieles blende er aus, sagt Felzel. Wichtig sei, sich auf eine klare Kommunikation zu konzentrieren - meist über den Kapitän. Trotzdem bleibe der Druck, in Sekundenbruchteilen richtige Entscheidungen zu treffen.
Seit dreineinhalb Jahren Schiedsrichter
Vor gut dreieinhalb Jahren hat Felzel seinen Schiedsrichterschein gemacht. Sein Bruder, ebenfalls Referee im Kreis Stade, habe ihn dazu gebracht. Schnell habe er gemerkt, dass ihn der Job auch persönlich weiterbringe: mehr Selbstvertrauen, mehr Sicherheit bei Entscheidungen im Alltag. Dazu komme die Gemeinschaft: Lehrabende, der Austausch mit anderen Schiedsrichtern, neue Freundschaften. Und der Blick auf den Fußball aus einer anderen Perspektive.
Wenn der Fußball kippt
Doch der Job hat auch eine andere Seite. Immer wieder kommt es zu Gewaltvorfällen. Jüngst wurde in Westthüringen ein minderjähriger Schiedsrichterassistent angegriffen.
Ähnliche Erfahrungen hat Rene Vandieken aus dem Kreis Celle gemacht. 2018 wird er bei einem Kreisligaspiel von einem Spieler angegriffen. Zuvor hatte er nach einer Beleidigung die Gelb-Rote Karte angekündigt. Als er die Rote Karte zeigen will, tritt ihn der Spieler unvermittelt mit dem Fuß in den Bauch, Vandieken stürzt.
"Ich habe gar nicht viel gedacht", sagt er rückblickend. Schmerz, Schock, Orientierungslosigkeit. Und die Frage, ob der Angriff damit vorbei sei. Erst Mitspieler ziehen den Täter weg. Vandieken entscheidet später mit seinen Assistenten auf Spielabbruch.
Die Folgen reichen über den Tag hinaus. Viele Kollegen melden sich, fragen nach. Es folgt ein Verfahren, das Sportgericht und Staatsanwaltschaft beschäftigt. Am Ende wird der Spieler für zwei Jahre gesperrt, das Strafverfahren später eingestellt - ohne dass Vandieken davon erfährt.
Gewalt im Amateurfußball: Ausnahme oder Strukturproblem?
Der Fall steht nicht allein. Obwohl laut DFB die meisten Spiele ohne Zwischenfälle verlaufen, bleiben die Ausnahmen prägend. In der Saison 2024/25 wurden dem DFB knapp 3.500 Gewaltvorfälle bei etwa 1,29 Millionen Spielen gemeldet. Das sind zwar sechs Prozent weniger als im Vorjahr, aber immer noch Tausende Fälle. "Wir dürfen nicht nachlassen", sagt Ronny Zimmermann, Leiter der AG Gewaltprävention des DFB.
Vandieken beschreibt das Problem als gesellschaftliche Frage: die Schwierigkeit, mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen.
Hilfe nach dem Pfiff
In Niedersachsen soll seit 2021 eine zentrale Anlaufstelle helfen, Gewalt und Diskriminierung im Fußball aufarbeiten - auch über den Spieltag hinaus.
"Fußball findet auch in sozialen Medien statt", sagt Alain Nkem, Leiter der Stelle. "Und dort gibt es keinen Freifahrtschein für diskriminierende Aussagen."
Die Anlaufstelle arbeitet mit Gesprächen, vertraulicher Beratung und Konfliktmoderation. Vereine, Schiedsrichter und Sportgerichte werden mit einbezogen. In einigen Fällen werden psychologische Unterstützungsangebote vermittelt. Für Täter könnte beispielsweise die Teilnahme an einem Schiedsrichter-Lehrgang angeordnet werden.
Für Vandieken sind solche Angebote grundsätzlich richtig. Ob sie langfristig wirken, könne er aber nicht sagen.
Schiedsrichter hoffen auf mehr Respekt
Trotz des Vorfalls hat Vandieken weitergemacht. Zu sehr wiege für ihn das Positive: die Spiele, die Gemeinschaft, die Gespräche danach. Der Angriff sei ein "trauriger Einzelfall" geblieben.
Zurück in Elstorf verläuft ein Spiel ohne Zwischenfälle. Für Per Felzel ist es einer von vielen Sonntagen auf dem Platz. Sein Ziel bleibt die Oberliga. Nach der Partie spricht er mit seinen Assistenten über strittige Szenen, schaut sich mitunter Entscheidungen noch einmal an. Lernen gehört dazu.
Vor allem aber bleibt ein Wunsch, der die Schiedsrichter verbindet: mehr Respekt. "Hinter jedem Schiedsrichter steckt ein Mensch", so Felzel.