Bundesliga
"Bin noch nicht fertig": Werders Weiser schreibt ein Fußball-Märchen
Mitchell Weiser war fast schon in Vergessenheit geraten. 14 Monate lang hatte der Rechtsverteidiger wegen eines Kreuzbandrisses kein Spiel bestritten. Nun schoss der 32-Jährige Werder Bremen zum Last-Minute-Sieg gegen den FC Augsburg - und ließ damit das Weserstadion beben.
Nachdem das "kleine Wunder" vom Osterdeich geschafft war, wollte fast niemand nach Hause gehen. Jedenfalls nicht sofort. Noch viele Minuten nach dem Abpfiff der Partie gegen Augsburg, in der Werder einen 0:2-Rückstand in einen 3:2-Erfolg verwandelt hatte, war die Arena des viermaligen deutschen Fußball-Meisters rappelvoll.
Aus vollen Kehlen sangen die Fans die inoffizielle Vereinshymne "Wir sind Werder Bremen" der Gruppe Afterburner mit, die aus den Lautsprechern erklang. Die Spieler drehten dabei eine Ehrenrunde. Und als die Musik schließlich verstummt war, forderte der Anhang: "Weiser auf den Zaun, Weiser auf den Zaun, Weiser auf den Zaun."
Der Matchwinner mit dem Zahnpasta-Lächeln ließ sich nicht zweimal bitten, stieg das Gitter empor, schnappte sich ein Mikrofon und moderierte nun kurz die Werder-Fete. Vom Dauer-Patienten zum Party-Animateur - Weiser hatte wieder eine dieser viel zitierten Geschichten geschrieben, die angeblich nur der Fußball schreibt. In seinem Fall ist es eine Geschichte, welche die Überschrift: "Der Wille versetzt Berge" tragen kann. Tragen sollte. Tragen muss.
Thioune schwärmt von "Mentalitätsspieler" Weiser
Denn Mitchell-Elijah Weiser, so der vollständige Name des aus Troisdorf stammenden Fußball-Profis, stand schon mit einem Bein in der Agentur für Arbeit. Selbstverständlich war es jedenfalls nicht, dass Werder ihm Mitte Juni einen neuen Kontrakt gab. Schließlich hatte der Routinier wegen eines Kreuzbandrisses keine einzige Partie in der vergangenen Saison absolviert.
Ob er jemals wieder zu alter Stärke finden würde? Die Bremer Verantwortlichen konnten sich nicht sicher sein. Aber sie konnten sich halt sicher sein, dass "Mitch", wie er überall gerufen wird, alles dafür tun würde, um wieder zu 100 Prozent fit zu werden. Schließlich ist "Mentalität" in gewisser Weise der dritte Vorname von Weiser.
"Wenn man 'Mitch' kennenlernt: Er ist ein Mentalitätsspieler. Selbst bei 2:2 wollte er nicht 2:2 spielen, sondern hat gesagt: Komm, wir machen noch eins", erklärte Trainer Daniel Thioune. Selbst im Training am Freitag habe Weiser ein dreieinhalb-minütiges Abschlussspiel "mit aller Macht gewinnen" wollen, so der 52-Jährige. Er sei schon immer "ein großer Mitchell-Weiser-Fan", bekannte Thioune.
Eine lange und innige Umarmung zwischen dem Trainer und dem Torschützen zum 3:2 war nach dem Spiel im Mittelkreis zu beobachten, während alle um sie herum im Stadion auf ihren Sitzen standen. "Für alle Fußball-Romantiker: herzlich willkommen im Weserstadion!“, sagte Thioune gewohnt pathetisch. "Das war verrückt. Das hat unfassbar viele Emotionen in uns ausgelöst."
"Es fühlt sich an wie im Traum"
Tränen flossen diesmal nicht. Vielleicht hatte sie Weiser alle schon in der Vorwoche vergossen, als er im Auswärtsspiel beim 1. FC Köln (1:1) sein Comeback nach seiner ewig langen Leidenszeit gefeiert hatte. Diesmal strahlte der 32-Jährige einfach nur wie ein Honigkuchenpferd. Unentwegt. Auf dem Rasen. Auf dem Zaun. In der Mixed-Zone bei den Interviews. Vermutlich ist Mitchell-Elijah Weiser auch mit seinem Zahnpasta-Lächeln im Gesicht eingeschlafen. Und wieder aufgewacht.
"Was soll ich sagen? Das ist unbeschreiblich und fühlt sich wirklich an wie ein Traum“, sagte der Werder-Profi nach dem Spiel. Er sei auch "sehr dankbar" dafür, "dass ich heute so ein bisschen zurückgeben konnte": Für "die ganzen Nachrichten, die mir geschrieben wurden über die Zeit. Die Jungs, die mich hier immer unterstützen. Der Trainer, der mir das auch ermöglicht hat. Ich weiß das auch sehr zu schätzen."
Weiser war in Gedanken schon anderswo
Nun aber muss Weiser wieder aussetzen. Nicht wegen einer Verletzung, sondern der Länderspiel-Pause. Für ihn kommt sie zum ungünstigen Zeitpunkt. Nach all den Monaten des Schindens in der Reha will der 32-Jährige einfach nur spielen. Für Werder. Den Club, der ihn in der schwersten Zeit seines Lebens nicht fallen ließ.
"Wie oft war ich mit den Gedanken vielleicht schon woanders?“, sagte Weiser in der Rückschau und meinte damit die Zeit, in der er verletzt war und seinen Vertrag in Bremen noch nicht verlängert hatte. Jetzt ist für ihn klar: "Ich bin hier noch nicht fertig!"
Klingt danach, als habe der Routinier noch viel vor mit Werder. Möglicherweise war die Zaun-Fete nach dem Augsburg-Spiel ja nur der Beginn einer langen Werder-Party. Vielleicht werden die vor Saisonbeginn vielerorts als Abstiegskandidat gehandelten Hanseaten ja sogar das Überraschungs-Team? Überraschen sollte dies niemanden mehr nach der Mentalitäts-Leistung gegen den zuvor ungeschlagenen FCA.