Erster Heimsieg seit Anfang Mai
Hansa Rostock: Folgt auf die Erleichterung das Ende der Achterbahn?
Der FC Hansa Rostock hat mit dem Last-Minute-Sieg über den VfB Stuttgart II einen Tag nach der Entlassung von Trainer Daniel Brinkmann wichtige Punkte in der 3. Liga geholt und den aufkommenden "Heim-Fluch" bezwungen. Klar ist aber nach der erneuten fußballerischen Achterbahnfahrt: Nach der Erlösung braucht es Lösungen.
Noch Minuten nach Abpfiff wurde der Hansa-Held gefeiert und besungen. "Benno Dietze, Benno Dietze", skandierten die Rostocker Anhänger und beschallten das Ostseestadion. Dietzes später 3:2-Siegtreffer gegen Stuttgart sorgte allenthalben für Erleichterung - und sicherte der "Kogge" kurz vor Schluss drei eminent wichtige Punkte, um in der Tabelle der 3. Liga den Anschluss nicht zu verpassen.
Dietze, gebürtiger Güstrower und ein Hansa-Eigengewächs, kommentierte den Erfolg norddeutsch gelassen: Die emotionale Lage sei nach dem ersten Heim-Dreier seit Anfang Mai - ebenfalls gegen den VfB Stuttgart II (5:3) - "super. So stellt man sich Fußball vor. Gerne nochmal", sagte der Siegtorschütze dem NDR mit einem Augenzwinkern. Wobei wahrscheinlich alle im Club - Verantwortliche, Spieler, Fans - dieses "nochmal" nur mit Blick auf das Ergebnis unterschreiben würden.
In unserer Situation geht's einfach nur um die Punkte und dass wir diesen "Fluch" jetzt mal kurz gebrochen haben, das fühlt sich richtig gut an. Hansa-Interimstrainer Yannic Thiel
Denn bis zu Dietzes Kracher unter die Latte in der 88. Minute hatte Hansa mal wieder Hansa-Dinge getan: Nach nervösem Holper-Start stand zu Beginn der zweiten Hälfte ein verdientes 2:0, das aber binnen weniger Minuten hergeschenkt wurde. Zwischen Hurra und Herzschmerz lagen nur wenige Augenblicke. Die größte Konstante war auch am Mittwochabend der Mangel an Konstanz und Souveränität.
Interimscoach Yannic Thiel resümierte nach seinem - zumindest vom Ergebnis her - gelungenen Debüt: "Es war vielleicht nicht schön, keine Frage. Aber in unserer Situation geht's einfach nur um die Punkte und dass wir diesen 'Fluch' jetzt mal kurz gebrochen haben mit den drei Punkten, fühlt sich richtig gut an."
Ein Spiel als Sinnbild der Situation
Auch Marco Schuster, der den etatmäßigen Kapitän Franz Pfanne auf dem Rasen vertreten hatte, fiel ein großer Stein vom Herzen. Die 90 Minuten plus Nachspielzeit gegen die zweite Mannschaft des VfB nannte Schuster "symptomatisch für unsere Situation gerade".
Sie hatten die bisherige Saison - und eigentlich auch die Monate davor - gleichermaßen eindrücklich wie erschreckend zusammengefasst; also das offensive Potenzial ebenso offenbart wie die Probleme im Ausnutzen und Kreieren von aussichtsreichen Situationen. Und auch die mangelhafte Chancenverwertung trat an diesem Abend einmal mehr zu Tage.
Bei Standards gefährlich - von Standards abhängig
Denn: Auch gegen die Schwaben fielen zwei der drei Tore - darunter Dietzes Siegtreffer - nach Standards. In der Saison macht das elf der bislang 14 Tore. Bei aller Gefährlichkeit bei ruhenden Bällen liegt darin auch eine (zu) große Abhängigkeit. Zumal das wenig konsistente Angriffsspiel für Amir Shapourzadeh nur einer der Kritikpunkte an Ex-Coach Brinkmann war, wie der Profifußball-Boss am Mittwoch erklärte.
Für ihn waren auch "die fehlende Konstanz, die fehlende Stabilität, auch über die Zeit im Defensivbund" mit ausschlaggebend dafür, den 40-Jährigen nach knapp zwei Jahren vor die Tür zu setzen. Speziell die "Gegentorflut" habe "so ein bisschen die Alarmglocken läuten lassen", so Shapourzadeh. Daher "haben wir gesagt: 'Wir wollen nicht wieder in so eine Situation kommen wie in den letzten zwei Jahren, dass drei, vier Punkte für unser Ziel fehlen.'"
Viertbester Angriff und schlechteste Defensive
Mit nun elf Zählern - zwei Punkte hinter dem Tabellenzweiten und nächsten Gegner Rot-Weiss Essen am Sonntag (13.30 Uhr, im NDR Livecenter) - steht die "Kogge" punktetechnisch gut da. Ist in Schlagdistanz.
Der Verlauf des Spiels gegen den Nachwuchs der Schwaben, aber auch das Torverhältnis von 14:14 nach sechs Partien drücken die Hansa-Achterbahnfahrt allerdings bestens aus. Der FCH hat den viertbesten Angriff - und gemeinsam mit Tabellenschlusslicht Jahn Regensburg die schlechteste Abwehr. Die ausgeglichene Tordifferenz steht, gemessen an den Aufstiegsambitionen, auch für die Unausgewogenheit der Auftritte. Schließlich kann am Ende einer langen Saison auch das Torverhältnis entscheiden.
Ersatz-Kapitän Schuster jedenfalls wünscht sich mehr Stabilität und Souveränität: "Wir haben eigentlich alles im Griff und haben dann eine Phase, in der wir die Ordnung verlieren und den Zugriff und direkt bestraft werden", erklärte er. "Da machen wir uns eine ganz ordentliche Leistung kaputt." Positiv aus seiner Sicht und Mutmacher für das Essen-Spiel sowie für den Rest der Saison: "Wir haben Moral gezeigt und das 3:2 gemacht, was uns sehr, sehr guttut."
Das soll schon ein Trainer sein, bei dem wir das Gefühl haben: Er hat die Erfahrung, er hat die Souveränität und er hat die Klarheit! FCH-Vorstandsvorsitzender Ronald Maul
Nach der bislang so aufwühlenden Woche werden sie an der Küste versuchen, sich in größtmöglicher Ruhe auf das schwierige Spiel bei RWE vorzubereiten. Auch wenn im Hintergrund die Suche nach einem neuen Trainer auf Hochtouren läuft. Das Anforderungsprofil für Rostocks Vorstandsvorsitzenden Ronald Maul ist auch nach dem Auftritt gegen Stuttgart jedenfalls klar: "Das soll schon ein Trainer sein, bei dem wir das Gefühl haben: 'Er hat die Erfahrung, er hat die Souveränität und er hat die Klarheit!'"
Die gleiche Klarheit und Gelassenheit, wie sie Dietze im Gespräch mit dem NDR ausdrückte. Auf die Frage, wie man nun auf das Spiel in Essen blicke, antwortete er: "Schau ich morgen." Für den Moment wollten alle beim FCH kurz durchschnaufen. Und feiern. Ein Schritt nach dem anderen. Denn die Mecklenburger wissen, dass auf die Erlösung vom Mittwochabend auch ein Ende der Achterbahnfahrt folgen muss, wenn es mit dem Aufstieg klappen soll.