Nachhaltigkeit
VfL Wolfsburg verfehlt Klimaziele - was die Fans damit zu tun haben
Der VfL Wolfsburg hinkt seinen eigenen Klimazielen deutlich hinterher. Der Countdown zum Race to Zero ist erst einmal vorbei - die "Wölfe" montieren die Uhr im Stadion ab. Die Wolfsburger wollen dennoch beim Thema Nachhaltigkeit dranbleiben.
Im Volksparkstadion des HSV tickte einst die Bundesliga-Uhr. Nach dem Abstieg wurde sie abgenommen. Im Stadion des VfL Wolfsburg tickte in den vergangenen Jahren ebenfalls eine Uhr, mit der die Niedersachsen auf ihre ambitionierten Klimaschutz-Ziele bis Ende 2025 aufmerksam machen wollten. Jetzt ist auch diese Uhr Geschichte - und die "Wölfe" haben ihr Ziel, ihren CO2-Ausstoß im Vergleich zur Saison 2017/2018 um 37 Prozent zu senken, mit 21 Prozent deutlich verfehlt.
"Wir sind grundsätzlich zufrieden mit dem, was wir erreicht haben", sagt Nico Briskorn, der Nachhaltigkeitsbeauftragte des Clubs, im NDR Interview trotzdem und fügt mit Blick auf die Uhr hinzu: "Die Aktion war sehr plakativ, und es ist uns gelungen, gerade in Wolfsburg auf das Thema aufmerksam zu machen. Aber es macht wenig Sinn, die Uhr jetzt noch einmal neu zu stellen."
Orientierung am Pariser Klima-Abkommen
Der VfL hatte seine Klimaziele 2020 zunächst sogar noch ehrgeiziger formuliert. In einer Pressemitteilung hieß es: "Wo die Reise hingeht? Zu Klimaneutralität und Netto-Null-Emissionen bis 2025." Das war allerdings missverständlich, weil diese "Neutralität" viel Spielraum für Kompensationsaktionen rund um den Globus ließ.
Davon verabschiedeten sich die Wolfsburger im vergangenen Jahr und konzentrierten sich auf ihr Kernanliegen. Sie hatten sich schon zuvor "wissenschaftlich ausrechnen" lassen, welchen Anteil der Club zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels des Pariser Klima-Abkommens leisten müsste.
"Daraus hat sich ein Reduktionspfad ergeben, nach dem wir jährlich um 6,45 Prozent mindern müssten, was entsprechend 37 Prozent im Jahr 2025 und dann 55 Prozent im Jahr 2030 ausmacht", erklärt Briskorn. Auch wenn man deutlich unter den Erwartungen geblieben ist, wolle man dranbleiben.
Umwelthilfe lobt, mahnt aber auch: "Mehr einfallen lassen"
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) lobt das Engagement des VfL trotz des verpassten Zwischenziels explizit. "Die Teilnahme am Race to Zero kann sich weiß Gott nicht jeder Bundesligist auf die Fahnen schreiben. Das ist ein klares Bekenntnis zum Thema Klimaschutz", sagt Thomas Fischer. Der DUH-Bereichsleiter für Kreislaufwirtschaft kritisiert zwar, dass die Wolfsburger zunächst ein "ziemlich unrealistisches Klimaziel" verkündet hätten und damit ein Imagegewinn einhergegangen sei, obwohl "das Klimaziel 2025 verfehlt wurde".
Die angepeilten 55 Prozent für das Jahr 2030 seien immer noch "anspruchsvoll, aber realistischer" als die usprünglich formulierte Klimaneutralität. Der Club sei auf einem guten Weg, habe "in vielen Bereichen Dinge vorangebracht" und spiele in der Tabelle im Kampf gegen den Klimawandel "auf jeden Fall im oberen Tabellendrittel mit". Um das formulierte Ziel für 2030 zu erreichen, brauche es aber "noch mehr und deutlich konsequentere Umweltschutzmaßnahmen. Da muss sich der Verein deutlich strecken und was einfallen lassen."
Mobilitätsbereich bleibt die ganz große Baustelle
In den Bereichen, die die Wolfsburger unmittelbar beeinflussen können, hat sich schon einiges bewegt. 43 Prozent wurden hier im Schnitt eingespart. Im Energiebereich - durch Ökostrom, aber auch ein smartes Verbrauchs-Management - sogar 58 Prozent.
Dass der VfL den eigenen Zielen so weit hinterher hinkt, liegt vor allem am Bereich Mobilität. Zwischen 70 und 80 Prozent der Emissionen rund um den Fußball gehen nämlich aufs Konto der Fans und ihrer An- und Abreisen zum Spiel. Wird dabei vor allem das Auto genutzt, sind die Emissionen hoch. So ist es in Wolfsburg und auch vielen anderen Orten - die Mobilitätswende vollzieht sich deutlich langsamer als noch vor fünf Jahren gedacht.
"Der Mobilitätsbereich ist mit Abstand der wichtigste im Kampf gegen den Klimawandel - und da muss der VfL Wolfsburg noch viel mehr machen. Wenn man den CO2-Fußabdruck wirklich verringern und irgendwann klimaneutral sein will, muss man hier ansetzen." DUH-Bereichsleiter Thomas Fischer
Die Umwelthilfe sieht aber trotzdem auch die Clubs unter Zugzwang - und fordert, dass die Vereine das Parkplatz-Angebot rund um die Stadien deutlich verknappen: Weniger und teurere Parkplätze könnten die Fans dazu bringen, vor allem aufs Fahrrad oder die öffentlichen Verkehrsmittel umzusteigen. Fischer nennt als Positivbeispiel Bundesligist SC Freiburg, der bei seinem neuen Stadion gerade einmal noch sechs Parkplätze auf 100 Zuschauer anbiete. Beim VfL seien es 21.
Briskorn und der VfL setzen jedoch auf Freiwilligkeit, schließlich sei "klar, dass Wolfsburg eine Autostadt ist". Die Verknappung von Parkplätzen sei "nicht das Mittel unserer Wahl, weil wir bei dem Thema nicht dogmatisch sein und den Fans nicht vorgeben wollen, wie sie anzureisen haben". Die Bedingungen, mit anderen Verkehrsmitteln anzureisen oder auch Fahrgemeinschaften zu nutzen, seien ebenfalls sehr gut. "Wir wollen den Fan und den Besucher überzeugen, die nachhaltigere Wahl zu treffen."
Photovoltaik auf dem Stadiondach wohl nicht möglich
Ohne eine Reduktion der Emissionen im Mobilitätssektor werden die Wolfsburger ihre Ziele nicht erreichen können. Ein weiteres Problem ist, dass der VfL seinen Strombedarf kaum selbst decken kann. Leistungsstarke Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern der großen Arena oder auch des Frauen-Stadions sind laut Briskorn "aus statischen Gründen" nicht umsetzbar. Das Reduktionsziel von 55 Prozent scheint in weiter Ferne.
Der Club engagiert sich aber auch an anderer Stelle, hat seine Zusammenarbeit mit dem NABU noch einmal intensiviert. "Wir haben uns bewusst gegen Kompensation im globalen Süden entschieden. Und für die Kooperation mit dem NABU, die eben regional in Niedersachsen stattfindet, gibt es auch keine Zertifikate", erklärt Briskorn. "Aber wir investieren jährlich in den Klimafonds des NABU, der durch die Wiedervernässung von Mooren natürlichen CO2-Speicher schafft."
"Wollen als Fußballverein weiter unsere Reichweite nutzen"
Der Verein will zudem seine Fans für dieses Thema sensibilisieren. Spielerinnen und Spieler der Profi-Teams haben im vergangenen Jahr schon bei einer Aktion mit angepackt. Eine weitere ist geplant.
"Auf der einen Seite müssen wir natürlich unsere eigenen Hausaufgaben erledigen und weiter an der CO2-Reduktion arbeiten", betont Briskorn. "Aber auf der anderen Seite können wir als Fußballverein unsere Reichweite nutzen, um Vorbild zu sein und den Klima- und Naturschutz in die Köpfe der Menschen zu bekommen."
Und auch im Stadion soll das Thema Klimaschutz weiter präsent bleiben - künftig allerdings auf den LED-Werbebanden. Denn die Zeit im Kampf gegen den Klimawandel läuft weiter. Auch ohne Uhr.