Umfrage zur Sicherheit: Ein Drittel im Norden fühlt sich unsicher
Anschläge, Sabotage und Drohnensichtungen prägen die öffentliche Debatte über Sicherheit in Deutschland. Wie blicken die #NDRfragt-Teilnehmenden im Norden auf die Lage und was erwarten sie vom Staat?
Deutschland ist in den vergangenen Monaten Ziel einer Reihe von Anschlägen geworden. Für den versuchten Drohnenanschlag auf den Flughafen Leipzig/Halle macht die Bundesregierung Russland verantwortlich. Beim Anschlag auf den Berliner CSD gehen die Ermittler von einem islamistischen Motiv aus. Darüber hinaus registrierte das BKA in diesem Jahr bundesweit bereits mehr als 160 Sabotageverdachtsfälle sowie mehr als 740 verdächtige Drohnensichtungen.
Zwei Drittel der Befragten fühlen sich derzeit in Deutschland sicher, ein Drittel hingegen unsicher. Die Hälfte der Befragten gibt sogar an, sich heute weniger sicher zu fühlen als noch vor zwölf Monaten. Für 41 Prozent hingegen hat sich nichts verändert.
Antje (53) aus Schleswig-Holstein fühlt sich zwar grundsätzlich sicher, blickt aber mit Sorge auf die aktuelle Entwicklung:
Die allgemeine Sicherheit hat gelitten und die Tendenz geht eher in die falsche Richtung. Trotzdem fühle ich mich derzeit noch einigermaßen sicher. Es ist jedoch leider nicht mehr auszuschließen, dass sich das ändert und allein diese Tatsache hätte ich vor einigen Jahren noch nicht für möglich gehalten. Antje (53) aus Schleswig-Holstein
26.054 Menschen aus Norddeutschland haben an der nicht repräsentativen, aber gewichteten #NDRfragt-Umfrage zur öffentlichen Sicherheit teilgenommen. Alle Ergebnisse können Sie hier nachschauen.
Befragte sehen große Gefahr durch Angriffe auf kritische Infrastruktur
Bedroht wird die Sicherheit Deutschlands laut den Teilnehmenden vor allem durch Angriffe auf die kritische Infrastruktur. Besonders groß ist die Sorge vor Cyberangriffen, aber auch vor physischen Angriffen auf die Infrastruktur, beispielsweise Drohnen, Sabotage oder Sprengstoff.
Viele haben Angst vor rechtsextremer Gewalt
Drei Viertel der Befragten fürchten zudem rechtsextremistisch motivierte Gewalt und sehen sie als große Gefahr für die Sicherheit. Laut Kriminalstatistik des BKA wurde 2025 rund die Hälfte der politisch motivierten Straftaten dem Bereich "rechts" zugeordnet. 16 Prozent entfielen auf den Bereich "links", rund zwei Prozent auf "religiöse Ideologie".
Für einige Befragte geht die Sorge vor Rechtsextremismus noch weiter: Sie fürchten auch Folgen für die Demokratie. So auch Marita (75) aus Hamburg: "Das größte Sicherheitsrisiko ist meines Erachtens das Erstarken rechtsextremer Kräfte, die mithilfe demokratischer Mittel dabei sind, die Demokratie abzuschaffen."
Weniger Freiheit für mehr Sicherheit?
Zwei Drittel der Befragten sprechen sich für mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden aus – auch wenn dadurch persönliche Freiheitsrechte eingeschränkt werden. Auch Markus (48) aus Niedersachsen hält das für notwendig:
Eigentlich muss es doch klar sein, dass die Polizei und alle anderen Einheiten wieder mehr Befugnisse bekommen müssen. Niemand hat mehr Respekt vor Einsatzkräften, weil sie nichts machen dürfen. Sie sollten hart durchgreifen dürfen. Markus (48) aus Niedersachsen
Breite Zustimmung für mehr Sicherheitsmaßnahmen
Für ein besseres Sicherheitsgefühl in Deutschland wünschen sich die meisten Befragten eine bessere Drohnenabwehr zum Schutz von kritischer Infrastruktur. Auch strengere Sicherheitskontrollen an Flughäfen sowie eine Ausweitung des Einsatzes elektronischer Fußfesseln unterstützen viele. Außerdem sprechen sich 84 Prozent dafür aus, dass die Bundesregierung stärker in Präventionsmaßnahmen investiert, um politischem und religiösem Extremismus entgegenzuwirken, bevor es zu einem Anschlag kommt.
Astrid (62) aus Hamburg fragt sich, ob genug präventiv getan wird: "Mir machen die neuen Angriffe auf Infrastruktur und Cyberkriminalität Angst. Ich empfinde mich bzw. unsere Regierung als machtlos. Diese Angriffe sind unverhofft und plötzlich." Ähnlich sieht das Jochen (63) aus Niedersachsen. Er ist überzeugt, dass Deutschland nicht ausreichend auf mögliche Anschläge vorbereitet ist:
Unsere Behörden sind nicht gut ausgestattet. Zudem wirken sie oft nicht gut vorbereitet oder etwas geschieht immer wieder "völlig überraschend". Manchmal passieren Dinge, die man schon lange kommen sieht. Jochen (63) aus Niedersachsen
Wie gut schützt der Staat vor Anschlägen?
Beim Schutz vor Anschlägen sind sich die Befragten insgesamt uneins. 41 Prozent bewerten den Schutz durch den Staat als gut, 44 Prozent als schlecht. Weitere 14 Prozent geben an, dies nicht beurteilen zu können. 36 Prozent sind zudem besorgt, dass sie selbst oder jemand aus ihrem persönlichen Umfeld Opfer eines Anschlags werden könnte.
Ich finde es einfach nur traurig, dass man aufgrund von fanatischen Menschen jetzt immer mit einem schlechten Bauchgefühl auf Großveranstaltungen geht. Man schaut unbewusst auf Straßensperren, auf mobile Blockaden, schaut nach Fluchtwegen und macht um Menschen, die sich komisch verhalten, einen noch weiteren Bogen als früher. Sonja (50) aus Niedersachsen
Ivonne (55) aus Mecklenburg-Vorpommern arbeitet oft auf dem Weihnachtsmarkt und kennt dieses Gefühl nur zu gut. Dennoch betont sie: "Man darf nicht einfach klein beigeben und muss sich dieser Angst stellen."
Mehrheit vermutet Zunahme islamistischer Radikalisierung
Der Anschlag auf den Berliner CSD Ende Juli hat die Debatte über islamistisch motivierte Gewalt erneut in den Fokus gerückt. Rund jeder Zweite der Befragten glaubt, dass sich in den vergangenen fünf Jahren deutlich mehr Menschen islamistisch radikalisiert haben. Weitere 25 Prozent sehen eine leichte Zunahme.
Nach Angaben des Verfassungsschutzes wurden der islamistischen Szene 2025 rund 28.600 Personen zugerechnet, ein Anstieg um 1,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig ist die Zahl der sogenannten Gefährder in den vergangenen Jahren gesunken. Das BKA zählte 410 Gefährder im Bereich "religiöse Ideologie" im Jahr 2026. 2022 waren es nach Angaben des BKA noch 520. Als Gefährder gelten Personen, denen die Sicherheitsbehörden schwere politisch motivierte Straftaten bis hin zu Terroranschlägen zutrauen.
Ich habe den Eindruck, dass Gefährder nur beobachtet werden und durch unser Rechtssystem erst eingeschritten werden kann, wenn etwas passiert ist. Ria (60) aus Schleswig-Holstein
Mehrheit vermisst klare Unterscheidung von Islam und Islamismus
Drei Viertel der Befragten finden, dass in der öffentlichen Debatte häufig nicht ausreichend zwischen Islam und Islamismus unterschieden wird. Fast zwei Drittel sehen Musliminnen und Muslime als selbstverständlichen Teil der deutschen Gesellschaft. Gleichzeitig hält jeder Zweite den Islam für nicht vereinbar mit einer demokratischen Gesellschaft.
Vera (46) aus Schleswig-Holstein sieht die Gefahr vor allem in der Pauschalisierung: "Ja, der Islamismus ist schlimm, aber der Islam nicht! Und diese Unterscheidung bekommen viele nicht hin vor lauter Furcht."
Die #NDRfragt-Umfrage zeigt: Bei der Sicherheit geht es den Befragten nicht nur um die Sorge vor Anschlägen. Cyberangriffe, Angriffe auf kritische Infrastruktur und extremistische Gewalt werden ebenfalls als große Gefahren wahrgenommen. Viele befürworten deshalb zusätzliche Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen.
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Über diese Befragung
Die Antworten stammen aus der Umfrage "Wie sicher fühlen wir uns 25 Jahre nach 9/11?", an der sich 26.054 Menschen aus Norddeutschland beteiligt haben.
Für die Ergebnisse wurden Antworten ausgewertet, die vom 3. September bis zum 14. September 2026 um 6 Uhr abgegeben wurden. Unsere Analyse konzentriert sich auf das norddeutsche Stimmungsbild und wertet gezielt die Antworten aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen aus. Die Umfragen werden online ausgefüllt.
Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings nach den statistischen Merkmalen Alter, Geschlecht, Bundesland, Schulabschluss und Familienstand gewichtet. Das heißt: Antworten von Bevölkerungsgruppen, die unter den Befragten seltener vertreten sind als in der norddeutschen Bevölkerung, fließen stärker gewichtet in die Umfrageergebnisse ein. Und die Antworten von in der Befragung überrepräsentierten Gruppen werden schwächer gewichtet. Insgesamt verteilen sich die Antworten dann am Ende eher so, wie es der tatsächlichen Verteilung der Bevölkerungsgruppen in Norddeutschland entspricht.
Abweichungen von 100 Prozent in Grafiken sind rundungsbedingt oder ergeben sich aus der Antwortoption "keine Angabe".
Mitarbeit
Umfrageerstellung: Margarita Ilieva, Vivien Graf
Datenanalyse: Lisa Richter, Oliver Völling
Communitymanagement: Tabea Hallmann, Max Thovtrupp Nielsen
Was ist #NDRfragt?
#NDRfragt ist das Meinungsbarometer für den Norden. Über 68.000 Norddeutsche haben sich bereits für die Community angemeldet. Registrierte Mitglieder erhalten regelmäßig Einladungen zu neuen Umfragen per E-Mail. Das #NDRfragt-Team wertet die Ergebnisse aus und der NDR berichtet in seinen Programmen darüber. So wird das, was Sie denken und meinen, Teil der politischen und gesellschaftlichen Debatte. Hier können Sie mitmachen!