#NDRfragt-Umfrage: Mehrheit offen für Rüstungsprojekte in VW-Werken

Stand: 24.08.2026 19:30 Uhr

Viele Teilnehmende einer #NDRfragt-Umfrage sorgen sich wegen der VW-Krise um Arbeitsplätze und die deutsche Wirtschaft. Zugleich befürwortet eine Mehrheit Rüstungsprojekte, um VW-Standorte zu erhalten.

von Hendrik Keul und Margarita Ilieva

VW hat infolge eines starken Gewinneinbruchs im Jahr 2025 angekündigt, Sparmaßnahmen einzuleiten. Ein Abbau von bundesweit 50.000 Stellen wurde bereits bestätigt. VW-Konzernchef Oliver Blume sagt, die Lage sei "mehr als kritisch". Die Teilnehmenden an der #NDRfragt-Umfrage machen vor allem strategische Fehlentscheidungen des Managements für die aktuelle Lage verantwortlich - 69 Prozent nennen dies als Hauptgrund.

"Aus meiner Sicht wurde die Transformation in die Elektromobilität verschlafen. Wir haben uns auf unserer Technologie ausgeruht", sagt auch Christian (38) aus dem Kreis Vorpommern-Rügen. Die Hälfte der Teilnehmenden sieht Rückstände des Konzerns bei Elektromobilität und Software als Ursache. Zudem nennen 49 Prozent den wachsenden Druck durch internationale Konkurrenz als weiteren Faktor.

21.702 Menschen aus Norddeutschland haben an der nicht repräsentativen, aber gewichteten #NDRfragt-Umfrage zu Volkswagen teilgenommen. 2.816 von ihnen geben an, einen direkten Bezug zu VW oder Zulieferfirmen zu haben. Alle Ergebnisse aus der Umfrage können Sie hier nachschauen.

Zwei Drittel befürchten Jobverluste bei VW

Den Verlust von Arbeitsplätzen bei VW und Unternehmen der Zuliefererkette befürchten 67 Prozent der Befragten. "Wir haben sehr viele Freunde und Bekannte, die bei VW und Zulieferern arbeiten, deren Jobs jetzt auf der Kippe stehen", berichtet Manuela (53) aus dem Kreis Hildesheim. Die Mehrheit (59 Prozent) befürchtet die Schließung von VW-Werken als mögliche Konsequenz der Lage. Jeder zweite Teilnehmende nennt außerdem die Verlagerung der Produktion ins Ausland.


VW ist in vielen Regionen ein wichtiger Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor. Auch deshalb befürchtet etwa die Hälfte der Teilnehmenden negative Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft.

Es geht eher um die Regionen, in denen Volkswagen Werke hat. Wenn zum Beispiel Emden zugemacht wird, ist das für Ostfriesland eine Katastrophe. Oliver (33) aus dem Kreis Aurich

Unsicherheit bei den VW-Mitarbeitenden spürbar

Ein Teil der Befragten ist von der Situation bei VW direkt betroffen. Entweder, weil sie selbst bei VW oder einem Zulieferer arbeiten, oder weil enge Angehörige dort beschäftigt sind.

"Als Mitarbeiter im Werk Osnabrück empfinde ich die Situation als sehr belastend, vor allem, weil seit dem Tarifergebnis 2024 immer noch keine Entscheidung getroffen wurde, wie es am Standort weitergeht", sagt Phillip (40) aus dem Landkreis Osnabrück. Er gehört zu den 48 Prozent der Befragten mit VW-Bezug, die sich wegen eines möglichen Arbeitsplatzverlustes bei sich selbst oder bei engen Angehörigen Sorgen machen. Mit 46 Prozent sind fast genauso viele der Befragten mit VW-Bezug wegen eines möglichen Arbeitsplatzverlustes bei sich selbst oder in ihrem Familienumfeld wenig oder gar nicht besorgt. Dazu zählt Frederik (40) aus der Region Hannover: "Ich mache mir wenig Sorgen, selbst im schlimmsten Fall wieder eine neue Stelle zu finden. Die Automobilindustrie besteht nicht nur aus VW."

Das Volkswagenwerk in Wolfsburg.

Mehrere Betriebsversammlungen stehen an. Es geht um drohende Werksschließungen und einen Abbau von bis zu 100.000 Stellen.

Befragte mit direktem Bezug zum Konzern blicken deutlich sorgenvoller auf die VW-Krise: 62 Prozent machen sich große Sorgen vor den Folgen der aktuellen Lage, 72 Prozent erwarten einen großen Einfluss auf die deutsche Wirtschaft. Entsprechend fällt auch die Unterstützung für den Erhalt des VW-Gesetzes und für staatliche Hilfen höher aus, wobei Letztere selbst unter VW-Verbundenen keine Mehrheit finden.

Trotz Sorgen: 45 Prozent halten Werksschließungen für vertretbar

Auch wenn die Mehrheit der Befragten die Schließung von VW-Standorten als mögliche Folge der Sparmaßnahmen befürchtet, geben immerhin 45 Prozent an, dass sie Werksschließungen grundsätzlich vertretbar finden. "Lieber Werke schließen, damit die anderen Werke besser ausgelastet werden. Sonst gefährdet man in zehn Jahren ein ganzes Unternehmen", sagt Friedrich-Carl (64) aus dem Kreis Helmstedt.

Mehrheit befürwortet Rüstungsprojekte in VW-Werken

Als mögliche Lösung, um die Schließung einzelner Standorte zu verhindern, steht ein Einstieg in Rüstungsprojekte im Raum - beispielsweise in Osnabrück. VW-Konzernchef Oliver Blume zeigte sich offen für eine Kooperation mit der Rüstungsindustrie.

Das VW-Werk in Osnabrück

Gespräche seien vielversprechend, sagte der Vorstandschef. VW will bis Ende 2026 über die Zukunft des Werks entscheiden.

Unter den Befragten aus der #NDRfragt-Community befürwortet die Mehrheit (59 Prozent) diese Idee. Es zeigen sich allerdings starke regionale Unterschiede. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die Zustimmung unter 50 Prozent. Die höchste Zustimmung zeigt sich in den Regionen um Wolfsburg. Im Landkreis Wolfenbüttel liegt der Wert beispielsweise bei 76 Prozent. Auch in anderen Regionen im Umkreis von VW-Standorten wird der Vorschlag im Schnitt höher bewertet.

Den Vorschlag zum Einstieg in die Rüstungsindustrie sehen einige Befragte als einen unausweichlichen Schritt - so auch Birgit (66) aus dem Kreis Holzminden: "VW muss sich umorientieren. Den Zug mit den Elektroautos hat VW ja verpasst. Da ist die Umorientierung auf Rüstungsgüter nicht die schlechteste Idee. Auch um Arbeitsplätze zu erhalten und alles das, was an anderen Industrien noch hinten dranhängt."

Aus der VW-Region im Westen Niedersachsens kommt jedoch auch Gegenwind: "Statt auf Rüstungsproduktion und Individualmobilität zu setzen, wäre eine Diversifizierung hin zu einem Mobilitätsunternehmen sinnvoll, das auch im Bereich Schiene, ÖPNV, Güterverkehr, Sharing-Konzepte etc. Zukunfts-Innovationen gestalten sollte", sagt Jannes (34) aus dem Kreis Grafschaft Bentheim.

Wenig Zustimmung für Produktion chinesischer Autos in VW-Werken

Um eine höhere Auslastung der VW-Werke zu ermöglichen, hatte Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) vorgeschlagen zu prüfen, ob chinesische Autos an deutschen Standorten produziert werden können. Diesen Vorschlag bewerteten lediglich 38 Prozent der Teilnehmenden als gut. Nur im Kreis Friesland stimmte mehr als die Hälfte dafür. In den Regionen um die niedersächsischen Werke Wolfsburg, Braunschweig und Salzgitter war die Zustimmung am geringsten - nur etwa jeder Vierte hielt den Vorschlag dort für gut.

Wenig Hoffnung auf Verbesserung

Auf die Frage, wie zuversichtlich die Teilnehmenden sind, dass VW die Lage in naher Zukunft verbessern kann, gab die Mehrheit (58 Prozent) eine negative Antwort. Lediglich drei Prozent sind sehr zuversichtlich, dass das Unternehmen die Kehrtwende schafft. "Die wirtschaftliche Lage kann sich erst nach einem starken Strategiewechsel ändern und das kann Jahre dauern. Es geht nicht um das Verbessern der wirtschaftlichen Lage, sondern um den Erhalt der Marke VW", sagt Jonas (37) aus dem Kreis Lübeck.

Nicht wenige wünschen sich eine Rückkehr zum Ursprung der Marke "Volkswagen", die ihrem Namen wieder näherkommt. So auch Olaf (64) aus dem Kreis Mecklenburgische Seenplatte: "Es gibt keine preiswerten Modelle mehr, die für Singles, Pflegedienste und Pendler interessant sind! Der Volkswagen-Konzern sollte wieder Autos fürs Volk und nicht irgendwelche Eliten bauen!"

Gibt es Folgen für die deutsche Wirtschaft?

VW ist einer der wichtigsten Arbeitgeber der Autoindustrie. Die momentane Lage des Konzerns könnte deshalb auch Folgen für die gesamte Wirtschaft haben: 58 Prozent der Befragten erwarten große Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft.

In Anbetracht der Lage bei VW stellt sich die Frage, ob Deutschland als Wirtschaftsstandort geeignet ist, um große Unternehmen wie VW langfristig zu halten. Eine große Mehrheit (71 Prozent) der Befragten ist der Meinung, Deutschland sei zu unattraktiv als Standort. "Hier herrschen die höchsten Energiepreise und die größte Steuerlast", sagt Tim (39), "dazu kommt ein riesiger und unübersichtlicher Verwaltungsakt für Genehmigungen und Anträge."

Manche der Teilnehmenden sehen trotzdem einige positive Faktoren, die für Deutschland sprechen: "Deutschland bietet ein extrem großes technisches Know-how und qualifizierte Arbeitskräfte", sagt Hannes (28) aus dem Kreis Dithmarschen.

Ja, durch Mindestlöhne und hohe Standards sind die Personalkosten zwar vergleichsweise hoch, aber gerade für High-Tech-Industrien sind wir ideal. Hannes (28) aus dem Kreis Dithmarschen

Die folgenden Zitatkacheln zeigen weitere Stimmen zur aktuellen Situation bei Volkswagen - von Befragten mit direktem VW-Bezug und aus externer Perspektive. Tippen Sie auf die jeweilige Kachel, um das vollständige Zitat zu lesen.

Über diese Befragung

Die Antworten stammen aus der Umfrage "VW in der Krise - und jetzt?", an der sich 21.702 Menschen aus Norddeutschland beteiligt haben. 2.816 Befragte gaben an, einen Bezug zu VW oder einem Unternehmen der VW-Zulieferkette zu haben. Diese Angabe beruht auf der Selbstauskunft der Befragten.

Für die Ergebnisse wurden Antworten ausgewertet, die vom 6. bis 10. August 2026 abgegeben wurden. Unsere Analyse konzentriert sich auf das norddeutsche Stimmungsbild und wertet gezielt die Antworten aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen aus. Die Umfragen werden online ausgefüllt.

Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings nach den statistischen Merkmalen Alter, Geschlecht, Bundesland, Schulabschluss und Familienstand gewichtet. Das heißt: Antworten von Bevölkerungsgruppen, die unter den Befragten seltener vertreten sind als in der norddeutschen Bevölkerung, fließen stärker gewichtet in die Umfrageergebnisse ein. Und die Antworten von in der Befragung überrepräsentierten Gruppen werden schwächer gewichtet. Insgesamt verteilen sich die Antworten dann am Ende eher so, wie es der tatsächlichen Verteilung der Bevölkerungsgruppen in Norddeutschland entspricht.

Abweichungen von 100 Prozent in Grafiken sind rundungsbedingt oder ergeben sich aus der Antwortoption "keine Angabe".

Mitarbeit
Umfrageerstellung: Hendrik Keul
Datenanalyse: Lisa Richter, Oliver Völling
Communitymanagement: Max Thovtrup, Freya Rechter

Was ist #NDRfragt?

#NDRfragt ist das Meinungsbarometer für den Norden. Über 68.000 Norddeutsche haben sich bereits für die Community angemeldet. Registrierte Mitglieder erhalten regelmäßig Einladungen zu neuen Umfragen per E-Mail. Das #NDRfragt-Team wertet die Ergebnisse aus und der NDR berichtet in seinen Programmen darüber. So wird das, was Sie denken und meinen, Teil der politischen und gesellschaftlichen Debatte. Hier können Sie mitmachen!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Hallo Niedersachsen | 24.08.2026 | 19:30 Uhr

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