Ein Mann mit Tattoos im Gesicht sitzt auf einem Sofa.

Warum ehemals Süchtige öffentliche Sportplätze meiden

Stand: 05.12.2025 08:57 Uhr

Im "Haus Braunschweig" wollen ehemals Mehrfach-Abhängige wieder in ein Leben ohne Drogen zurückfinden. Was dabei hilft: Struktur, Gemeinschaft und Sport - aber nicht auf öffentlichen Plätzen.

von Sabine Hausherr

Für David Pahlke begann alles ganz harmlos - zumindest glaubte er das. Mit zwölf Jahren kiffte er zum ersten Mal. Und zwar an Weihnachten im Kinderheim. Während alle anderen Kinder über die Feiertage zu ihren Eltern nach Hause fuhren, hatte er niemanden, zu dem er hätte fahren können. Diese tiefe Enttäuschung als Kind merkt man ihm bis heute an, wenn er davon erzählt. Später rutschte er immer tiefer hinein in Alkohol, Kokain und schließlich Heroin.

15 Jahre saß er im Knast

Um seinen Konsum zu finanzieren, überfiel er an einem einzigen Tag einen Taxifahrer und vier Passanten. "Ist ja klar, du musst den Stoff ja finanzieren", erzählt er schulterzuckend. "Da wirst du zwangsläufig kriminell, wenn Du nichts gelernt hast." Mehr als 15 Jahre verbrachte er im Gefängnis. "Bis dahin habe ich gar nicht gemerkt, was für ein Penner ich geworden war." In der Haft kam ihm dann die Erkenntnis, dass er ein solches Leben nicht weiterführen will. "Es muss bei dir selber "Klick" machen", sagt der mittlerweile 40-Jährige. "Ich habe einfach gemerkt, dass alle aus meiner Gegend von früher mehr erreicht haben als ich", erzählt er. "Und ich? - Ich saß immer noch in der Zelle."

"Ich bin 40 und sitze im betreuten Wohnen"

Zwei Männer arbeiten in der Küche und schneiden Gemüse.
Im "Haus Braunschweig" lernen die Bewohner wieder, eine richtige Tagesstruktur zu haben.

Ein bitterer Moment, der ihm bis heute nahe geht. Aber er ist froh, dass er vor Jahren den Absprung von den Drogen geschafft hat. Heute lebt er im "Haus Braunschweig", einem Wohnheim des "Paritätischen" für chronisch Abhängige. Dort sind Drogen verboten. Nur das Rauchen ist draußen oder im eigenen Zimmer erlaubt. Wenn er die Chance hätte, Schulklassen zu erzählen, wohin Drogen führen können, würde er es sofort tun: "Gucken Sie mich an: Ich bin 40 und sitze im betreuten Wohnen", sagt er und lacht bitter.

"Die Medikamentenabhängigkeit war das Schlimmste"

Alle, die hier wohnen, haben ähnliche Geschichten erlebt. So wie Mario W.. Der 44-Jährige war jahrelang abhängig von Alkohol, Speed, LSD und vor allem von Medikamenten. Gerettet habe ihn letztendlich seine Schwester: "Sie konnte jahrelang nichts machen", erzählt er rückblickend. "Ich war einfach nicht zugänglich." Aber irgendwann habe er gemerkt, dass seine Schwester es gut mit ihm meine. Sie war es, die ihn schließlich zur Therapie anmeldete. Damals wog er bei einer Körpergröße von zwei Metern nur 85 Kilo. Der Medikamenten-Entzug, sagt er, sei das Schlimmste gewesen, was er in seinem Leben erlebt habe. Sein ganzer Körper habe bis in die Knochen geschmerzt, sagt er. "Ich dachte, ich sterbe."

"Die Drogen nahmen mir die Einsamkeit"

Ein Mann öffnet einen Kühlschrank.
Für Mario. W. ist die gemeinsame Tagesstruktur sehr wichtig.

"Einsamkeit ist ein Grund, warum man Drogen nimmt", sagt Mario W.. Auch er hat eine Kindheit ohne Liebe mit einer gewalttätigen Mutter erleben müssen. Im "Haus Braunschweig" habe er zum ersten Mal Menschen kennen gelernt, die sich um ihn kümmerten. "Das ist ein gutes Gefühl." Wichtig für ihn sei auch die genaue Tagesstruktur. Einkaufen gehen, kochen, essen - hier machen sie alles gemeinsam und erleben so, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind.

Öffentliche Sportplätze sind gefährliches Pflaster

Ein Mann sitzt im Fitnessstudio und zieht Gewichte.
Der Kraftsport hat ihm auf dem Weg raus aus den Drogen geholfen.

Und auch der Sport hilft ihnen, den Kopf freizubekommen. "Man kann sich auspowern", sagt Mario W.. "Man läuft nicht so belastet rum." Noch trainieren sie meist im Sportraum an Geräten. Draußen gibt es nur einen Basketballkorb. Deshalb träumen sie von einem eigenen multifunktionalen Sportplatz für Fußball, Basketball und Volleyball. Denn öffentliche Plätze meiden die Bewohner. "Wo Jugendliche sind, sind Drogen - Alkohol, Kiffen, und neuerdings auch noch Lachgas", erzählt Mario W.. Nicht selten würden sie von Fremden angesprochen werden, die ihnen Substanzen anbieten wollen. "Vielleicht bist Du an einem Tag stark genug, nein zu sagen", sagt David Pahlke. "Aber was ist, wenn sie Dich an einem schwachen Tag erwischen?" Das Risiko wolle er nicht eingehen und meidet deshalb die öffentlichen Sportplätze.

Sicherheit statt Rückfallgefahr

Vier Männer schauen auf eine leere Fläche, wo ein Sportplatz entstehen soll.
An dieser Stelle hinter dem Haus soll der Sportplatz entstehen.

Einrichtungsleiter Florian Schoenrock weiß, wie schwierig der Weg aus der Sucht ist. "Früher waren alle Freizeitaktivitäten mit Drogen und Konsum verbunden." Die Bewohner müssen erst wieder lernen, Interessen und Hobbies zu entwickeln, die nichts mit Drogen zu tun haben." Schöne Erlebnisse in einer Mannschaft draußen an der frischen Luft seien da ein guter Weg, sagt er. Den Platz für das Sportfeld jedenfalls haben sie schon ausgesucht - jetzt fehlt nur noch die Finanzierung.