"Trockendock" in Rostock: Gemeinsam gegen die Alkoholsucht
Alkohol ist in Mecklenburg-Vorpommern nach wie vor Droge Nummer eins, Tendenz wieder steigend, so der Suchtbericht 2025. Die Mitglieder des Rostocker Abstinenzvereins "Trockendock" helfen - mit Erfahrungswissen.
Für Torsten Reinke war der Alkohol lange Zeit ein Freund, so sagt es der 61-jährige Vorsitzende des Abstinenzvereins. "Aber ich hab festgestellt, es war ein falscher Freund, der einem nicht guttut." 15 Flaschen Bier am Tag, das war damals seine tägliche Dosis. Ohne sie konnte er nicht mehr schlafen, er fing an zu schwitzen, war nervös, musste sich erbrechen. Trotzdem brauchte der gelernte Koch noch lange, bis er sich endlich eingestand, dass es sich dabei um eine Sucht handelt.
"Wir sind unsere eigenen Therapeuten"
Wie ihm geht es vielen, die sich im "Trockendock" im Rostocker Stadtteil Groß Klein treffen. Sie kommen zum Mittagessen, auf einen Kaffee, haben sich zu Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. "Um nicht alleine zu bleiben", sagt Jenny Johst, die fast täglich da ist. "Zur Ablenkung, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen", bestätigt ihr Tischnachbar Andreas Möller. Und Torsten Reinke stellt klar: "Wir sind keine Beratungsstelle mit ausgebildeten Fachleuten. Wir sind unsere eigenen Therapeuten, weil wir aus Erfahrung wissen, wie es gehen kann und wie auch der Ausstieg aus der Sucht funktioniert."
Wer ins Trockendock kommt, muss vieles nicht erst erklären, man versteht sich meist auch ohne viele Worte. Wobei die Vereinsmitglieder natürlich trotzdem eng mit Beratungsstellen und Kliniken zusammenarbeiten und bei Bedarf auch dorthin weitervermitteln. Für junge Menschen, die ein Alkoholproblem haben, gibt es außerdem eine eigene WhatsApp-Gruppe.
Anfänge auf der Neptunwerft
Die Anfänge des "Trockendocks" gehen zurück bis in die DDR-Zeit, erzählt Vereinschef Torsten Reinke. Auf der Neptunwerft sei damals extrem viel getrunken worden - auch während der Arbeitszeit. "Und das ist in der Werft dann wohl so schlimm geworden, dass man gesagt hat, man teilt diese Leute in eine Brigade ein und man kümmert sich um sie." Heute hat der Verein rund 50 Mitglieder, zu 60 Prozent Männer, aber auch immer mehr Frauen.
"Auf Frauen wird mit dem Finger gezeigt"
"Bruni", Brunhilde Lau, ist eine von ihnen. Sie ist so etwas wie die gute Seele des "Trockendocks", kümmert sich ehrenamtlich ums Kaffeekochen und um die Kasse, macht gerne Scherze, kann aber auch zuhören. In ihrem Elternhaus wurde viel getrunken, erinnert sie sich. Und sie machte mit, schon in jungen Jahren. Ihre Erfahrung: Wenn Männer trinken, ist das relativ normal. Auf Frauen werde dagegen mit dem Finger gezeigt. Die 67-Jährige spricht ein bisschen lauter als vorher, als sie erklärt: "Ich steh' dazu. Weil ich bin stolz, dass ich trockene Alkoholikerin bin. Da kann man auch stolz drauf sein."
Betreutes Wohnen für Frauen geplant
Für Männer, die den Entzug geschafft haben und danach wieder lernen müssen, ihren Alltag auch ohne den Griff zur Flasche zu bewältigen, bietet der Verein drei Wohngemeinschaften an. Dieses Angebot soll es künftig auch für Frauen geben. Reinke ist überzeugt: "Die Notwendigkeit ist einfach da." Und Brunhilde Lau bestätigt: "Für die gibt es in Rostock sonst noch nicht viel." Um die erste WG einzurichten, hofft der Verein auf Unterstützung aus der "Hand in Hand"-Aktion.
Und noch eines würde Torsten Reinke gerne angehen: "Viele von uns kommen allmählich in die Jahre, einige sitzen im Rollstuhl und kommen unsere Treppe nicht mehr hoch." Ihnen würde er gerne einen behindertengerechten Zugang ermöglichen.