Suchthilfe im Gefängnis: "Viele haben keinen Plan"
Gefangene mit Suchtproblemen auf ein Leben nach der Haft vorbereiten, das will die Volkssolidarität Nordost mit einem Angebot in der Justizvollzugsanstalt in Stralsund. Denn laut Therapeut brauchen die Straftäter einen Plan.
Seit 22 Jahren fährt Christian Fritz jeden Montag nach Stralsund ins Gefängnis. Er ist Therapeut bei der Volkssolidarität Nordost und betreut dort unter anderem eine Gruppe Strafgefangener im offenen Vollzug. Sieben Männer sind heute gekommen - einige sind neu. Sie haben alle ein Problem mit Alkohol oder Drogen und wollen anonym bleiben. Einer von ihnen beginnt seine Geschichte zu erzählen: "Ich hab viele Straftaten begangen - alle unter Alkohol: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung, schwere Körperverletzung, versuchter Totschlag." Christian Fritz unterbricht ihn: "Klingt ein bisschen nach Fußballfan?" Das bestätigt der Gefängnissinsasse.
JVA erfährt nichts von den Gesprächen
Jeder Strafgefangene bringt seine ganz persönliche Geschichte mit in die Gruppe. Auch was ihnen auf dem Herzen liegt, ist nicht vorhersehbar, sagt Christian Fritz. Pläne für die Stunde im offenen Vollzug macht er deshalb nicht. Die wichtigste Regel: Nichts verlässt den Raum. Die Gefangenen dürfen nicht weitererzählen, was sie über die anderen erfahren haben. Aber auch Christian Fritz gibt keine Informationen an die JVA weiter. "Das habe ich den Gefangenen versprochen. Sonst würden sie nicht so offen mit mir sprechen." Das sei aber wichtig, um den Suchtkranken wirklich helfen zu können.
Jeder braucht eine Perspektive
Der Fußball-Hooligan berichtet, dass er mit sieben Jahren das erste Mal Alkohol getrunken habe. Das sei in seiner Familie normal gewesen. Eine Therapie habe er nie gemacht. "Das lohnt sich bei mir nicht", sagt er. Auch für ihn einen Grund zu finden, für den es sich lohnt, trocken zu bleiben, das wird Christian Fritz in den kommenden zehn gemeinsamen Sitzungen versuchen. "Wichtig dabei ist aber, dass er allein daraufkommt", sagt der Therapeut. Er entwickelt dann mit jedem Einzelnen einen Plan für die Zeit nach der Haft. Denn die meisten haben gar keine Vorstellung davon, wie sie ihre Sucht auch in Freiheit in den Griff bekommen können. "Sie haben sich vielleicht schon bei den letzten fünf Entlassungen gedacht, dass sie nach der Haft nicht mehr saufen und dann kamen die Kumpels an der Garage oder der Flachmann an der Supermarktkasse."
Meiste Straftaten unter Alkohol
Sucht ist ein bedeutender Faktor, warum Menschen Straftaten begehen. Christian Fritzmacht die Erfahrung, dass Alkohol mit deutlichem Abstand die größte Rolle dabei spielt. Für die JVA Stralsund ist das Angebot der Volkssolidarität Nordost ganz wichtig, "um die Insassen mit ihren Problemen zu konfrontieren und ihnen Wege aufzuzeigen, mit der Sucht umzugehen, um zukünftig keine Straftaten mehr zu begehen", sagt die Sprecherin Michaela Hahn. Die Volkssolidarität Nordost bietet auch außerhalb des Gefängnisses Suchtberatung und -therapie an. Um die Finanzierung ihrer Angebot muss sie immer wieder bangen. Gelder aus der NDR Benefizaktion "Hand in Hand für Norddeutschland" kommen auch der Volkssolidarität Nordost zu Gute.