Peer-Beratung in Kiel: Spielsüchtiger unterstützt Suchtkranke
Menschen mit Suchterkrankungen brauchen oft Unterstützung, um abstinent leben zu können. In der "Peer-Beratung" helfen Menschen mit eigenen Suchterfahrungen anderen Betroffenen auf Augenhöhe, beraten und teilen ihre Erfahrungen.
Mit 15 Jahren war Andreas Kölln zum ersten Mal in einer Spielhalle. Sofort fühlte er sich dort gut aufgehoben, sagt er. Ein sicherer Hafen - anders als sein Elternhaus, in dem er massiver Gewalt ausgesetzt war. Die Automaten lenkten ihn von seinen Problemen ab: "Spielen bringt Entlastung. Ich schalte mich dann ab." Dazu kamen der Kick, wenn er "die Serien holte" und Bekanntschaften mit Menschen, die er dort regelmäßig traf. "Scheinfreundschaften", wie der 60-Jährige aus Kiel heute weiß. Nicht zuletzt gab es in der Spielhalle immer kostenlosen Kaffee: "Der teuerste Kaffee meines Lebens."
Spielsucht kann Betroffene finanziell ruinieren
Mehrere Zehntausend Euro hat er in Automaten gesteckt, schätzt Andreas Kölln. 2008 hatte er seinen letzten Rückfall. Spielfrei zu bleiben gelingt ihm mit viel Disziplin und Achtsamkeit, sagt er. In Psychotherapien hat er an sich gearbeitet, dazu hat ihn der Austausch in Selbsthilfegruppen gestärkt. Auch wichtig, um stabil zu bleiben: Die regelmäßige Treffen mit seinem Peer-Berater.
Englisches Wort "peer" steht für "gleichwürdig, ebenbürtig"
Oliver Wessel ist Mitarbeiter beim "Kieler Fenster e.V.", einer Beratungsstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihre Angehörige. Auch der Peer-Berater ist spielsüchtig, lebt seit vielen Jahren abstinent. Heute unterstützt er andere Menschen mit Suchtproblemen. "Jedes dieser Gefühle kenne ich", sagt Oliver Wessel. "Die Art der Sucht ist völlig egal - das Gefühl ist immer dasselbe: Die Sehnsucht nach Erfüllung."
Peer-Beratung ersetzt keine Therapie, kann aber eine sinnvolle Ergänzung sein. Dass sein Berater eigene Suchterfahrungen hat, ist für Andreas Kölln ein großer Vorteil. Er fühlt sich verstanden, muss nicht viel erklären, sagt er. Und er könne leichter besprechen, wofür er sich in einer Therapiesitzung womöglich schämen würde. Dazu ist Oliver Wessel für die Klientinnen und Klienten ein Vorbild. Ein Beweis, dass es möglich ist, abstinent zu leben.
Peer-Berater: Bedarf an Unterstützung ist nicht zu bewältigen
Seine Klientinnen und Klienten unterstützt der gut vernetzte Peer-Berater bei Bedarf auch bei der Therapieplatzsuche und bei der Kommunikation mit Behörden. Rund 20 Beratungsgespräche führt Oliver Wessel in der Woche, der Bedarf sei weit größer. Er beobachtet, dass Anfragen zu Social Media- und Internetsucht zunehmen und damit den Beratungsbedarf zu Alkoholsucht mittlerweile abgelöst hätten.
Andreas Kölln: Peer-Beratung hilft, spielfrei zu bleiben
Die Sorge, wie er Geld zum Spielen organisiert, Panik, wenn es an der Tür klingelt, Selbsthass und Hoffnungslosigkeit: Die Schrecken der aktiven Spielsucht gehören für Andreas Kölln der Vergangenheit an. Heute engagiert er sich ehrenamtlich, arbeitet im Begegnungscafé beim "Kieler Fenster", macht Spaziergänge in der Natur.
In den Gesprächen mit seinem Peer-Berater setzt er sich immer wieder mit seiner Sucht auseinander. Wenn er beispielsweise auf die Idee kommt, einen Lottoschein auszufüllen, weil der Jackpot gerade verlockend hoch ist. "Alles, was ich der Richtung bei mir erlebe, muss ich ansprechen", sagt Andreas Kölln. "Nicht darüber zu sprechen, ist der erste Schritt zum Rückfall."
In Planung: Therapeutisches Bouldern und Gesprächsgruppen für Angehörige
Die NDR Spendenaktion „Hand in Hand für Norddeutschland“ unterstützt die Beratungsstelle "Kieler Fenster e.V.". Dort sind eine neue Freizeitangebote für Menschen mit psychischen Krankheiten und Suchtproblemen geplant, unter anderem "therapeutisches Bouldern". Dazu soll es künftig eine angeleitete Gesprächsgruppe für Angehörige psychisch erkrankter Menschen und eine Gesprächsgruppe für Kinder suchtkranker Eltern geben.