Rechte Gewalt: Wenn aus Jugendlichen Terroristen werden
Sie nennen sich "Letzte Verteidigungswelle" oder "Deutsche Jugend Voran": Rechtsextreme Jugendgruppen, deren Anhänger sich manchmal radikalisieren, bis sie Anschläge begehen. Was geschieht da? Eine neue NDR-Doku schaut hin.
Ein weitgehend ungenutztes Parkhaus in Wismar: Es ist zugig, die Wände und Säulen sind vollgeschmiert mit Grafitti. Dazwischen immer wieder: Hakenkreuze, rechtsextreme und antisemitische Parolen. Das Parkdeck ist als Treffpunkt rechter Jugendlicher stadtbekannt.
Reporter des NDR waren in den vergangenen Monaten immer wieder dort, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wie er sich beschreiben würde, fragen die Journalisten einen jungen Mann: "Arisch. Also nicht rechts. Weiß, deutsch. Ich bin stolz, Deutscher zu sein", antwortet er. Rechtsradikal aber wolle er nicht sein. Nicht alle auf dem Parkdeck finden gut, dass das Kamerateam dort ist. Am Ende fliegt ein Böller.
Terrorgruppe aus dem Kinderzimmer
Im Parkhaus traf sich auch der 19-jährige Jason R. mit Freunden. Mittlerweile sitzt er im Gefängnis, verurteilt zu viereinhalb Jahren wegen Gründung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Etliche "Free Jason"-Schriftzüge zeugen davon, dass er für die Jugendlichen im Parkhaus noch immer eine Rolle spielt.
Anfang August wurden Jason R. und sieben weitere junge Männer zwischen 15 und 22 Jahren vom Oberlandesgericht in Hamburg zu Haftstrafen zwischen anderthalb und fünf Jahren verurteilt. Sie sollen Teil der Terrorgruppe mit den wohl jüngsten Mitgliedern gewesen sein, gegen die jemals in Deutschland ermittelt wurde: Die "Letzte Verteidigungswelle". Als die Gruppe gegründet wurde, waren die meisten Mitglieder noch nicht mal volljährig, der Jüngste erst 13 Jahre alt.
Der Staatsschutzsenat des Gerichts, zuständig für schwerwiegende politische Straftaten, ist überzeugt, die Jugendlichen und Heranwachsenden haben sich teils wegen versuchten Mordes, Brandstiftung und Körperverletzung schuldig gemacht. Besonders schwer wiegt die Gründung, Mitgliedschaft und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Neben Jason R. stammt noch ein weiterer Angeklagter aus Mecklenburg-Vorpommern. Er hat Revision gegen das Urteil eingelegt, ebenso wie zwei Angeklagte aus Brandenburg.
"Hitler wäre stolz auf uns"
Wie radikalisieren sich junge Menschen so sehr, dass sie schon so früh schwere Straftaten begehen? "Meine Einstellung hat sich damals von einer konservativ rechten auf eine wirklich rechtsextreme, faschistische Meinung geändert", beschreibt Niklas (Name geändert) die Zeit, in der er in die "Deutsche Jugend Voran" (DJV) eingetreten ist, eine andere rechtsextreme Jugendgruppe. Anders als die LVW gilt sie nicht als terroristisch, doch die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung gegen etliche ihrer mutmaßlichen Mitglieder.
Niklas berichtet in der neuen NDR-Dokumentation "Rechte Gewalt: Wenn aus Jugendlichen Terroristen werden", was ihn an der Gruppe faszinierte: Gemeinschaft, das Gefühl, dazuzugehören. Die Gruppe sei radikal, ziele auf den Sturz der Demokratie, sagt er: "Teilweise kamen dann Aussagen wie, Hitler wäre stolz auf uns, wir wären Hitlers neue Elite." Mittlerweile ist er auf dem Weg aus der rechtsextremen Szene und aus der DJV ausgestiegen.
Rechtsmotivierte Straftaten von Jugendlichen auf hohem Niveau
Rund 4.300 minderjährige Tatverdächtige hat die Polizei 2025 bei rechtsmotivierten Straftaten bundesweit registriert. Das ist ein ähnlich hohes Niveau wie 2024 und eine Verdopplung gegenüber den Zahlen aus 2023 und den Vorjahren. Lange bevor einige jugendliche Rechtsextremisten zu Terroristen werden, fallen sie in der Regel mit kleineren Straftaten auf.
Auch im Fall der "Letzten Verteidigungswelle" sind manche nun verurteilte Anhänger nicht erst mit den Anschlägen auffällig geworden. Das Landeskriminalamt MV hatte einige Mitglieder wegen anderer Straftaten früh auf dem Schirm, sagt der Leiter der Staatsschutzabteilung, Michael Philippzig.
Für die Polizei sei die Herausforderung, mit der Vielzahl rechtsextremer Gruppen und der Geschwindigkeit Schritt zu halten, mit der sie auftauchen und wieder verschwinden. "Wir haben jugendliche Täter, Heranwachsende, die sich ultraschnell ideologisieren", sagt er, und ihre Bereitschaft, Gewalt auszuüben, wachse "erstaunlich schnell". Das Ziel der Polizei sei es, Anschläge zu verhindern. Die meisten Gruppen zerfielen aber schnell wieder von allein. Die Ermittler müssten daher einschätzen, für welche Gruppen sie ihre Ressourcen tatsächlich einsetzten.
Dennoch, Philippzig ist besorgt: Es könnten Teile einer ganzen Generation an den Rechtsextremismus verloren gehen.