Energiewende: Der Kampf um Netzanschlüsse
Immer mehr Erzeuger von grünem Strom treffen auf immer mehr Großverbraucher wie Rechenzentren, Batteriespeicher oder Industriebetriebe. Alle brauchen Anschlüsse ans Starkstromnetz - um sie ist ein Kampf entbrannt, denn die Netzbetreiber kommen mit den Anträgen kaum hinterher.
Aus dem Kupolofen fließt glühendes Gusseisen in einen Transportbehälter. Funken fliegen. Fynn-Willem Lohe steht neben dem Ofen und ruft: "Den wollen wir nicht mehr haben." Statt Koks, wie aktuell, soll künftig Strom das Roheisen zum Schmelzen bringen. Dafür will Geschäftsführer Lohe einen sogenannten Induktionsofen anschaffen. Mit ihm wollen sie beim Kaminofenhersteller Leda im ostfriesischen Leer ein Großteil der CO2-Emissionen einsparen.
Für den E-Ofen wird allerdings viel Strom benötigt und hier liegt das Problem: Im ganzen Land wird gerade um sogenannte Netzanschlüsse gekämpft, also Kabel, durch die viel Strom beispielsweise in Industrieanlagen fließen kann. "Es gibt dutzende Gießereien in Deutschland, die das gleiche Problem haben", sagt Lohe. "Und das ist nur die Gießerei-Industrie." Vielerorts seien Projekte durch einen fehlenden oder verzögerten Netzanschluss bedroht.
Und nicht nur Industriebetriebe wollen ans Netz, sondern auch Wind- und PV-Anlagen, Rechenzentren und besonders große Batteriespeicher. Doch der Ausbau der Netze, die die Strommengen transportieren müssen, kommt nicht hinterher.
Stau von Anschlussanträgen bei den Netzbetreibern
Für jeden neuen oder erweiterten Netzanschluss muss ein Antrag beim jeweils zuständigen Netzbetreiber gestellt werden. In der Regel ist das der lokale Verteilnetzbetreiber - und bei diesen stapeln sich landesweit die Anträge.
So meldet die Schleswig-Holstein Netz GmbH: "Die angefragte Anschlussleistung für Erneuerbare Energien sowie Batteriespeicher ist heute etwa viermal so groß, wie die gesamte in den letzten rund 40 Jahren angeschlossene Leistung aller Erneuerbare-Energien-Anlagen."
NDR-Umfrage unter Netzbetreibern
Der NDR hat bundesweit 852 Verteilnetzbetreiber um aktuelle Daten zu Netzanschlüssen gebeten. Nur ein kleiner Teil davon (neun Prozent) hat tatsächlich Daten genannt. Doch auch auf dieser Basis ergibt sich das gleiche Bild: Die angefragten Netzanschlüsse übersteigen bei den größeren Verteilnetzbetreibern die aktuelle Netzleistung teilweise um ein Vielfaches.
Mehrfachanträge verzerren das Bild
Die meisten Anfragen für Netzanschlüsse werden aktuell durch große Batteriespeicherprojekte ausgelöst. Sie sind offenbar ein lohnendes Geschäftsmodell, doch weil die Verteilnetzbetreiber nur eine beschränkte Zahl an Netzanschlüssen genehmigen, werden Anfragen für diese oft bundesweit mehrfach gestellt. Wie viele der Anschlussanträge ernst gemeint sind, zeigt sich erst nach und nach.
Diese Situation ist die Folge von mehreren Entwicklungen, erklärt der ehemalige Energiemanager Tim Meyer, der heute als Berater aktiv ist: "Netzausbau ist langsam. Der Zubau von erneuerbaren Energien und von Energiespeichern ist schnell. Und das trifft aufeinander."
Meyer macht besonders die geringe Digitalisierung bei vielen der rund 850 Verteilnetzbetreibern für die Situation mitverantwortlich. Mit ihr könnten die Netze viel besser ausgelastet werden. Netzbetreiber verweisen dagegen auf langwierigen Genehmigungsverfahren, die den dringend nötigen Netzausbau verzögerten.
Ineffizientes Antragsverfahren
Der Stau bei den Anfragen nach Netzanschlüssen hat aber auch etwas mit dem sogenannten "Windhundverfahren" zu tun. Das ist das übliche Antragsverfahren, das in der Regel nach dem Motto funktioniert: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Es zählt der Zeitpunkt der Antragstellung.
Um hier effektiver zu sein, haben die vier Übertragungsnetzbetreiber, die für die sogenannten Stromautobahnen verantwortlich sind, im April das "Reifegradverfahren" für Großverbraucher wie Rechenzentren, Industrieanlagen und Batteriespeicher eingeführt. Bei der Netzanschlussvergabe spielt dabei unter anderem eine Rolle, wie weit ein Projekt bereits fortgeschritten ist.
Aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums können sich auch die rund 850 Verteilnetzbetreiber daran orientieren. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert allerdings eigene Regeln für die vielen zum Teil auch sehr kleinen Netzbetreiber.
So sieht es auch Torsten Maus, Geschäftsführer des niedersächsischen Netzbetreibers EWE Netz. Er fordert einen klaren Rechtsrahmen für ein geändertes Vergabeverfahren. "Es wäre aus meiner Sicht fatal, wenn in den benachbarten Netzgebieten unterschiedliche Regeln gelten", sagt Maus - und man sich möglicherweise sogar noch gegenseitig Konkurrenz machen würde.
Würgt das "Netzanschlusspaket" den Ausbau der Erneuerbaren ab?
Um die Flut von Netzanschlüssen besser steuern zu können, hat das Bundeswirtschaftsministerium das sogenannte "Netzanschlusspaket" auf den Weg gebracht. Es soll Netzausbau und Netzanschlüsse besser harmonisieren.
Doch die Erneuerbaren-Energien-Branche befürchtet, dass das Paket den Zubau von Windkraft- und PV-Projekten ausbremsen könnte. Denn Betreiber von, zum Beispiel, neuen Windkraftanlagen in bestimmten Netz-Engpass-Gebieten sollen künftig bis zu sechs Jahre lang auf Entschädigungszahlungen verzichten, wenn die Anlagen wegen Netzüberlastung abgeschaltet werden müssen.
Das Bundeswirtschaftsministerium hält die Sorgen für unbegründet. Das Ziel sei weiterhin, "den Anteil des aus erneuerbaren Energien erzeugten Stroms am Bruttostromverbrauch im Jahr 2030 auf 80 Prozent zu steigern."
Flexible Vereinbarungen sollen mehr Anschlüsse ermöglichen
Netzbetreiber versuchen nun zunehmend mit sogenannten flexiblen Netzanschlussvereinbarungen (FCA) mehr Netzanschlüsse zu ermöglichen. Dabei ist beispielsweise die maximale Einspeisung von Strom aus einer großen Photovoltaik-Anlage oder einem Speicher nicht immer möglich, sondern wird zeitweise eingeschränkt.
Immerhin für das Leda-Werk in Leer konnte eine Lösung gefunden werden. Laut dem zuständigen Netzbetreiber EWE Netz soll der Anschluss voraussichtlich ab 2027 zur Verfügung stehen.
Ergänzung vom 26. August 2026: Die IHK Niedersachsen bewertet Netzanschlüsse als wichtigen Standortfaktor für Unternehmen. Um zu dem Thema mehr Informationen zu sammeln, wurde nun ein Online-Meldeportal eingerichtet.