Geoforschung
Erdbeben unter Istanbul: Wenn es kracht, dann gewaltig
Istanbul liegt seit Jahren im Fokus der Erdbebenforschung. Die türkische Metropole mit mehr als 15 Millionen Einwohnern befindet sich unmittelbar nördlich einer der gefährlichsten geologischen Störungszonen Europas. Nun legt der Potsdamer Geophysiker Marco Bohnhoff vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung eine Neubewertung vor. Sein Fazit: Die Gefahr könnte unterschätzt worden sein.
Bislang gingen viele Gefährdungsmodelle davon aus, dass unter dem Marmarameer eine einzelne, durchgehende Hauptstörung verläuft, die sogenannte Marmara-Verwerfung. Neue geologische, geophysikalische und geodätische Daten zeichnen jedoch ein deutlich komplexeres Bild: Statt einer einzigen Bruchlinie existiert offenbar ein Netzwerk aus miteinander verbundenen Haupt- und Nebenstörungen mit unterschiedlichen Eigenschaften.
Nach Einschätzung Bohnhoffs muss deshalb auch die Erdbebengefährdung neu bewertet werden. In seinem im Fachjournal Geophysical Journal International veröffentlichten Standpunkt argumentiert er, dass mehrere Störungssegmente bei einem künftigen Großbeben nacheinander oder sogar gleichzeitig aktiviert werden könnten. Dadurch wären stärkere Erschütterungen möglich als bislang angenommen.
Magnitude 7,6 im Extremfall
Bisherige Szenarien gingen für die Region meist von maximalen Magnituden zwischen 7,2 und 7,4 aus. Die neue Analyse hält im Extremfall sogar ein Erdbeben der Stärke 7,6 für denkbar. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, hätte aber erhebliche Folgen: Auf der logarithmischen Magnitudenskala würde ein Beben der Stärke 7,6 bis zu etwa doppelt so viel Energie freisetzen wie die bislang zugrunde gelegten Maximalszenarien.
Die Region gilt ohnehin als Hochrisikogebiet. Die Marmara-Verwerfung ist Teil der Nordanatolischen Verwerfungszone, einer der aktivsten Plattengrenzen weltweit. Dort bewegen sich die Anatolische und die Eurasische Platte aneinander vorbei. Durch Reibung bauen sich Spannungen auf, die sich in starken Erdbeben entladen können.
Sorge nach dem Beben von 2025
Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte ein Erdbeben der Magnitude 6,2 im April 2025 im Marmarameer westlich von Istanbul. Es war das stärkste Beben in der Region seit Jahrzehnten. Nach Angaben von Forschenden wurden dadurch die Spannungen entlang der kritischen Störungszone jedoch nur teilweise abgebaut. Einige Modellrechnungen deuten sogar darauf hin, dass sich die Belastung in benachbarten Bereichen erhöht haben könnte.
Schon seit Jahren warnen Seismologinnen und Seismologen vor einem möglichen Starkbeben in unmittelbarer Nähe der Metropole. Schätzungen zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Erdbeben der Stärke 7 oder größer in den kommenden Jahrzehnten bei etwa 40 bis 60 Prozent.
Tödliche Erdbeben
Erdbeben sind laut WHO von allen Naturgefahren die tödlichsten und waren zwischen 2000 und 2023 für weltweit mehr als die Hälfte aller Todesfälle infolge von Naturkatastrophen verantwortlich. In der gesamten Europäischen Region leben demnach Millionen von Menschen in Häusern und werden in Gesundheitseinrichtungen behandelt, die ein schweres Erdbeben nicht überstehen würden.Besonders gefährliche Lage
Die Sorge der Fachleute betrifft nicht nur die Stärke eines möglichen Bebens, sondern auch dessen Nähe zur Stadt. Teile der aktiven Störungszone verlaufen direkt südlich von Istanbul unter dem Marmarameer. Gleichzeitig haben frühere Untersuchungen des GFZ gezeigt, dass sich bei Erdbeben in der Region besonders viel seismische Energie in Richtung der Millionenstadt ausbreiten kann. Dadurch steigt das Schadenspotenzial zusätzlich.
Bohnhoff fordert deshalb eine deutlich bessere Überwachung der Störungszone auf dem Meeresboden. Weil die Verwerfungen unter Wasser liegen, seien sie bislang nur eingeschränkt zu beobachten. Zusätzliche Messstationen könnten helfen, Veränderungen im Spannungszustand frühzeitig zu erkennen und die Gefährdungsabschätzung zu verbessern.
Eine zuverlässige Vorhersage von Erdbeben ist allerdings weiterhin nicht möglich. Forschende arbeiten weltweit an Frühwarnsystemen, die zumindest wenige Sekunden Vorwarnzeit verschaffen können. Wann sich die aufgestauten Spannungen südlich von Istanbul tatsächlich in einem Großbeben entladen werden, bleibt jedoch ungewiss.
gp/gfz/who/mdr wissen