Tanzen gegen Demenz
Beim Laternenfest in Halle trifft Forschung auf Party
Mal ehrlich: Wann haben Sie das letzte Mal getanzt? Dachte ich mir schon. Trotz all der Ü30-,Ü40- oder sogar Ü50-Partys für Best-Ager und Boomer werden die Ausflüge auf den Tanzboden mit dem Alter seltener. Schade eigentlich. Denn Tanzen macht Spaß und hält fit. Nicht nur den Körper, sondern auch den Kopf. Das sage nicht ich, sondern Forschende der Unikliniken in Magdeburg und Halle – alle Experten auf ihrem Gebiet. Und Sie haben einen Termin mit ihnen. Ganz ohne Wartezeit. Mit einer offiziellen Überweisung durch die Leopoldina. Es gibt sogar Live-Musik.
Falls Sie sich jetzt fragen: Seit wann stellt die Nationale Akademie der Wissenschaften Überweisungen für Fachärzte aus? Und was hat das mit der Musik und dem Tanzen zu tun? Hier ist die Antwort: Das macht die Leopoldina nur ausnahmsweise und weil in Halle Laternenfest ist. Das Thema, um das es geht, betrifft früher oder später viele von uns direkt oder indirekt: Demenz. Aber der Sonntagnachmittag soll trotzdem Spaß machen und dabei ein echtes Powertraining fürs Gehirn sein.
Kann man auf einem Volksfest über Demenz reden
Bis zu 200.000 Menschen kommen jedes Jahr auf das Laternenfest in Halle, das in diesem Jahr bereits zum 89. Mal gefeiert wird. Und die wollen vor allem eins: Spaß haben. Wie kriegt man da Wissenschaft unter und dann noch mit so einem ernsten Thema? Die Idee der Leopoldina: mit Musik. "Bei dieser Mitmach-Aktion der Nationalakademie Leopoldina im Wissenschaftsjahr 2026 – Medizin der Zukunft auf dem Halleschen Laternenfest wird Demenzprävention zum Erlebnis", beschreibt die Akademie ihren Nachmittag auf der Ziegelwiese, einem bekannten Veranstaltungsort direkt an der Saale, am Sonntag, 30. August ab 14:15 Uhr.
Warum Sie mittanzen sollten
Wenn Sie sich auf das Experiment einlassen, dann lernen Sie vielleicht nicht nur ein paar neue Tanzschritte. Zwischen den Tanzrunden geben Forschende Einblicke in den aktuellen Stand der Demenzforschung. Mit dabei sind unter anderem Emrah Düzel vom Universitätsklinikum Magdeburg, Oliver Tüscher von der Universitätsmedizin Halle und Gabriele Meyer vom Demenz-Kompetenzzentrum Sachsen-Anhalt. Sie wollen erklären, warum Bewegung und Musik für die Gesundheit des Gehirns eine wichtige Rolle spielen könnten.
Der wissenschaftliche Hintergrund ist ernst. Weltweit steigt die Zahl der Demenzerkrankungen. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass ein Teil der Erkrankungen durch einen gesunden Lebensstil verzögert oder möglicherweise sogar verhindert werden könnte. Körperliche Aktivität zählt dabei zu den wichtigsten beeinflussbaren Faktoren.
Was das Tanzen mit dem Gehirn macht
Besonders interessant erscheint vielen Forschenden das Tanzen. Anders als etwa Spazierengehen fordert es nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn. Wer tanzt, muss Bewegungen koordinieren, Schrittfolgen lernen, auf Musik reagieren und sich oft mit anderen Menschen abstimmen. Dadurch werden mehrere Hirnregionen gleichzeitig aktiviert. Forschende vermuten, dass genau diese Kombination aus Bewegung, geistiger Herausforderung und sozialem Austausch den besonderen Nutzen des Tanzens ausmachen könnte.
Wie belastbar die Hinweise sind, zeigen mehrere wissenschaftliche Übersichtsarbeiten. Eine Meta-Analyse, die 2023 im Fachjournal Ageing Research Reviews veröffentlicht wurde, wertete 29 Studien mit insgesamt mehr als 1.700 Teilnehmenden aus. Das Ergebnis: Tanzprogramme verbesserten die allgemeine geistige Leistungsfähigkeit, das Gedächtnis und das Gleichgewicht von Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen, Alzheimer oder anderen Demenzformen. Zudem gingen depressive Symptome teilweise zurück.
Größere Studien nötig
Auch eine 2025 veröffentlichte Übersichtsarbeit kommt zu einem positiven Fazit. Demnach sprechen die bislang verfügbaren Daten dafür, dass Tanzinterventionen die geistige Leistungsfähigkeit älterer Menschen fördern können. Die Forschenden weisen allerdings darauf hin, dass viele Studien vergleichsweise klein sind und weitere hochwertige Untersuchungen benötigt werden.
Zu den Einrichtungen, die an solchen Fragen arbeiten, gehört auch die DiADEM – Dance against Dementia-Studie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Dort wurde untersucht, wie sich ein sechsmonatiges Tanzprogramm auf ältere Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen auswirkt. Das Projekt ist eines von mehreren Beispielen dafür, dass Tanz inzwischen als ernstzunehmender Forschungsansatz in der Demenzprävention betrachtet wird.
Baustein der Vorbeugung
Ganz ohne Einschränkungen sind die Ergebnisse allerdings nicht zu interpretieren. Wissenschaftlich belegt ist bislang nicht, dass Tanzen eine Demenz sicher verhindern kann. Die derzeitige Forschung zeigt vor allem, dass regelmäßiges Tanzen mit einer besseren geistigen Leistungsfähigkeit verbunden ist und möglicherweise zur Verringerung des Erkrankungsrisikos beitragen kann. Als Teil eines insgesamt aktiven Lebensstils mit Bewegung, sozialen Kontakten und geistiger Anregung gilt es jedoch als vielversprechender Baustein der Vorbeugung.
Beim Laternenfest wird daraus nun ein praktisches Experiment für alle Interessierten: Statt nur über Prävention zu sprechen, können Besucherinnen und Besucher selbst ausprobieren, wie sich Bewegung, Musik und neue Herausforderungen für das Gehirn anfühlen. Oder wie es die Veranstalter formulieren: Prävention beginnt nicht irgendwann, sondern heute.