80 Jahre DEFA
Zehn Märchen der DEFA, die bis heute verzaubern
Vor 80 Jahren wurde die DEFA gegründet, und 1950 kam mit "Das kalte Herz" ihr erstes Märchen in die Kinos. Seitdem gehören Märchen und DEFA untrennbar zusammen. Viele der mehr als 40 Filme werden bis heute regelmäßig gezeigt. Gut so, denn es steckt meist mehr in ihnen, als man auf den ersten Blick sieht. Halfen sie anfangs noch beim Aufbau des Sozialismus, wurden sie zunehmend auch systemkritisch. Immer aber waren sie fantasievoll, verspielt und mit Liebe zum Detail gemacht – für Kinder und Erwachsene. Zehn herausragende DEFA-Märchen im Überblick.
- "Das kalte Herz" – düsteres Märchen aus dem Schwarzwald
- "Die Geschichte vom kleinen Muck" – Abenteuer vor orientalischer Kulisse
- "Das singende, klingende Bäumchen" – frühes Umwelt-Märchen
- "Schneewittchen" – ein Hauch von Walt Disney
- "Die Goldene Gans" – Klamauk schlägt Moral
- "König Drosselbart" – der Widerspenstigen Zähmung
- "Sechse kommen durch die Welt" – Anarchie im Königreich
- "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" – Schnee, Schnee und nochmals Schnee
- "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" – Gebt den Kindern das Kommando
- "Die kluge Bauerntochter" – der ganz eigene Zauber des Trickfilms
"Das kalte Herz" – düsteres Märchen aus dem Schwarzwald
Tief im Schwarzwald, wo die alten Bräuche noch lebendig sind und der Wald voller Geister, da kämpft der junge Köhler Peter um seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Er möchte die schöne Lisbeth für sich gewinnen, und das gute Glasmännchen hilft mit Magie ein wenig nach. Doch früher oder später treibt der Wunsch, reich zu werden, Peter in die Hände des bösen Holländer-Michels, und er verpfändet ihm sein Herz. Das neue steinerne Herz macht ihn kalt und grausam.
Der erste Märchenfilm der DEFA war zugleich der erste Farbfilm – und für diesen doppelten Auftakt wurden keine Kosten gescheut. Die aufwendige Tricktechnik – alles Handarbeit – mag man im digitalen Zeitalter belächeln, doch auf visueller Ebene beeindruckt der Film noch immer.
Verständlich bleibt auch die Gesellschaftskritik. Die Schwarzwälder Trachten und verschiedenen Dialekte verorten den Film klar im Westen – und im Kapitalismus, der sich hier als ein wahrer Albtraum entpuppt. Erwin Geschonneck als Holländer-Michel ist noch genauso schauderhaft anzusehen. Erstaunlich, mit welcher Erotik die Pakt-Szene zwischen ihm und Peter aufgeladen ist. Und erstaunlich auch – mit Abstand betrachtet – das gute Ende, bei dem Peter ein zweites Leben geschenkt wird. Es lässt sich auch so deuten: Den Deutschen werden fünf Jahre nach Kriegsende ihre grausamen Taten verziehen, wenn sie nun beim Aufbau des Sozialismus helfen. Für Kinder war dieses Märchen hingegen nie geeignet.
"Die Geschichte vom kleinen Muck" – Abenteuer vor orientalischer Kulisse
Interessanterweise griff die DEFA für ihre ersten Märchenfilme nicht auf die Gebrüder Grimm, sondern auf Kunstmärchen von Wilhelm Hauff zurück. Diesmal ist es die Geschichte vom Jungen Muck, der, um sein väterliches Erbe gebracht, durch die Wüste zieht und sein Glück sucht. Und es ist seine große Arglosigkeit, die ihm dieses beschert. Mit Hilfe von Zauberpantoffeln und Zauberstab wird er zum Läufer und Berater des Sultans und löst die gegen ihn gerichteten Intrigen am Hofe mit lustigen Tricks. Der Höhepunkt ist, wenn den eindeutig bösen Höflingen lange Eselsohren wachsen. Ein großer Spaß, der auch für Kinder funktioniert, auch wenn der Film nach heutigen Maßstäben nicht als politisch korrekt gelten kann – Stichwort Blackfacing.
Doch er bleibt ein Plädoyer für Toleranz und eine Ode an das Geschichten-Erzählen, das die Welt verändert. Damals beeindruckte der Film auch durch seinen üppigen Orientalismus. Exotische Tiere wurde aus den Zoos in Leipzig und Halle zum Dreh gebracht. Und ein Kind als Hauptdarsteller blieb in den DEFA-Märchen auf lange Zeit die Ausnahme. Dass Märchen als Chefsache galten, zeigt sich schon darin, dass Erfolgsregisseur Wolfang Staudte ("Die Mörder sind unter uns") engagiert wurde. Das alles zahlte sich aus: Mit elf Millionen Kinobesuchern in über 60 Ländern gilt der Film als die erfolgreichste DEFA-Produktion.
"Das singende, klingende Bäumchen" – frühes Umwelt-Märchen
Ein argloser Prinz, der um eine schöne Prinzessin freit, eine hochmütige, verwöhnte Prinzessin, die alle Bewerber verschmäht, und ein völlig überforderter König. Diese Figurenkonstellation findet sich von nun an in so manchem DEFA-Märchen. In den frühen Filmen muss der Trotz der Prinzessin noch gebrochen werden – später wird er zu einer Qualität. Aber noch überwiegt die pädagogische Absicht. Die Prinzessin verlangt vom Prinzen das singende, klingende Bäumchen. Er findet es im verwunschenen Garten eines bösartigen Zwergen, aber der knüpft die Herausgabe des Begehrten an eine Aufgabe: Der Prinz muss die Liebe der Prinzessin gewinnen, sonst verwandelt er sich in einen Bären. Und so kommt es denn auch.
Denkt man zunächst, der Prinz ist die Hauptfigur, rückt überraschend die Prinzessin ins Zentrum, die sich ebenfalls verwandeln muss, um selbst lieben zu lernen. Für Christel Bodenstein ging mit der Prinzessinnen-Rolle ein Traum in Erfüllung – und zwar ein sehr bunter. So klar leuchten die Farben in dieser Studioproduktion. Ernst Kunstmann, für die Tricktechnik verantwortlich, setzt alles ein, was er in "Das kalte Herz" und "Der kleine Muck" gelernt hat. Die Anfangssequenz, in der der Prinz durch eine wüstenartige Landschaft reitet, hat etwas von einem Western. Heute könnte man den Film aber auch als ein Umwelt-Märchen verstehen. Den Tieren schenkt die Prinzessin ihr Herz zuerst.
"Schneewittchen" – ein Hauch von Walt Disney
Die 60er-Jahre waren bei der DEFA voller Grimm-Märchen – und die waren kindgerecht gemacht. "Schneewittchen" fällt dabei durch seine große Werktreue auf. Ein Märchen, so ziemlich eins zu eins, in der nur die Grausamkeit zurückgenommen ist. So muss sich die Königin am Ende nicht auf glühenden Schuhen zu Tode tanzen. Die Wahrheit, die der Zauberspiegel spricht, ist für sie Schrecken genug. Und aus Angst vor der Wahrheit ist sie zu allem bereit, nur um in der Illusion, dem falschen Leben, zu verharren. Zusätzliche Botschaften für Erwachsene bereichern stets den Märchenfilm.
Die Kostüme und die klare symbolische Farbgebung – rot, weiß, schwarz – halten sich ebenfalls an das Märchen, wie wir es kennen. Und doch: Ein Hauch von Walt Disney ist auch hineingeweht. Der amerikanische Trickfilmklassiker "Schneewittchen" (jüngst als Spielfilm neu aufgelegt) ist von 1937. Interessante Parallelen tun sich auf, allein in der Darstellung der treuherzigen Zwerge, die singend und pfeifend aus dem Bergwerk kommen und immer gut sind für eine kleine Slapstick-Nummer. Publikumsliebling Fred Delmare hat dabei seinen Gastauftritt als Zwerg Naseweis. Ein Arbeiterbild im Sinne des sozialistischen Realismus geben diese Zwerge nicht ab.
"Die Goldene Gans" – Klamauk schlägt Moral
Der lustige Schuster Klaus, so einer möchte man schon sein: Seine beiden Brüder sind geldgierig und faul und leben klar auf seine Kosten. Doch das macht ihm alles nichts. Zum Lohn für Fleiß und Güte bekommt er von einer alten Frau die goldene Gans geschenkt, an der alle kleben bleiben, die weniger tugendhaft sind. Und so zieht bald eine lustige Polonäse hin zum Schloss, wo es gilt, die Prinzessin zum Lachen zu bringen – denn wem das gelingt, der bekommt sie zur Frau. Spaß und Freude am Klamauk übertrumpfen hier bei weitem die moralische Botschaft, die natürlich immer noch vermittelt wird.
Die beiden Schuster-Brüder kommen als eine ostdeutsche Variante von Dick und Doof daher. Und die beiden Wirtstöchter, von der eine immer plappert "Nein, sag mir doch" und die andere "Das weiß ich doch wohl besser" könnten glatt dem neuzeitlichen Kinderbuchklassiker "Das Neinhorn" entsprungen sein. Ordentlich gesungen und gefochten wird auch noch – stets in den buntesten Kostümen. Im nun etablierten Märchenfilm zeigte sich allerdings, dass man nicht nur an einer Gans, sondern auch an einer Rolle kleben bleiben konnte. Kaspar Eichel als Klaus konnte sich lange von seiner Rolle nicht lösen. Und Karin Ugowski, die schon die Goldmarie in "Frau Holle" gespielt hatte, war von nun an das Prinzessin-Gesicht der DEFA.
"König Drosselbart" – der Widerspenstigen Zähmung
Karin Ugowski wollte die Prinzessin eigentlich nicht schon wieder spielen, aber unter der Prämisse, dass sie wenigstens rote Haare haben dürfte, tat sie es doch. Sie spielt die verzogene Tochter, die alle Bewerber abweist, allerdings auf ihre Art. Irgendwie ist man immer auf ihrer Seite. Die eingebildeten Bewerber sind aber auch wirklich zu schauderhaft, was bei ihrem Empfang am Hofe für viel Komik sorgt. Wie gut, dass die Prinzessin ihnen die Meinung geigt. Ihren "Meister" findet sie allerdings im singenden König Drosselbart, prominent besetzt mit dem singenden Filmstar Manfred Krug.
Als königlicher Bewerber abgelehnt, kommt Drosselbart als Bettler wieder. Nun schmeißt der mehrfach brüskierte König ihm die Prinzessin förmlich nach. Es folgt die geduldige Zähmung der Widerspenstigen, bei der sie vor allem lernen muss, zu arbeiten und sich als Teil der Gemeinschaft zu verstehen – bis zu ihrer Rehabilitierung als neue Königin am Hofe Drosselbarts. Wodurch der Film besonders hervorsticht, ist seine reduzierte und strenge Stilistik. Dekor und Kulissen, etwa die Burg, sind stark stilisiert und existieren nur in der Andeutung. Das könnte kaum weiter entfernt sein vom opulenten Szenenbild der frühen 50er-Jahre.
"Sechse kommen durch die Welt" – Anarchie im Königreich
Ab den späten 60er-Jahren entdeckt eine neue Generation von Filmschaffenden, darunter Rainer Simon, den historischen Märchenstoff als Möglichkeit, auch herrschaftskritische Töne anzuschlagen. Erfahrungen mit der Filmzensur hatte er bereits gemacht. "Sechse kommen durch die Welt" wird nach "Wie heiratet man einen König" sein zweiter großer Märchen-Erfolg, in dem ein wahrlich anarchischer Wind weht. Auffallend ist zunächst, dass die Handlung nicht im Mittelalter, sondern im 18. Jahrhundert angelegt ist, zur Zeit der preußischen Kriege.
Ein selbstherrlicher Soldaten-König kriegt es mit einem einfachen Soldaten zu tun, der auf seinem Weg zum Schloss eine kleine Armee von Außenseitern mit besonderen Fähigkeiten versammelt: der Starke, der Scharfschütze, der Wundergeiger, der Schnellläufer und ein als Mann verkleidetes Mädchen mit schiefsitzendem Hut. Mit ihrer Hilfe bezwingt er im Wettstreit – wie Siegfried die Brunhilde – die sadistische Prinzessin. Doch der König versucht, die Hochzeit zu verhindern. Die subversive Bande, die herumflegelt wie im Italo-Western, besetzt förmlich das Schloss und lässt es im Chaos versinken, um am Ende alle Reichtümer ans Volk zu verteilen. Viel Wagenburg- und Hippie-Gefühl ist dabei und mittendrin der tschechische Oscar-Preisträger, Regisseur und Schauspieler Jiří Menzel – der zu Hause Berufsverbot hat – als Soldat.
"Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" – Schnee, Schnee und nochmals Schnee
Schnee lautet das Zauberwort bei der wohl berühmtesten deutsch-tschechoslowakischen Koproduktion. Václav Vorlícek wollte Aschenbrödel eigentlich über blühende Wiesen reiten lassen, aber das passte der DEFA nicht in den Drehplan. Ein Bild von Pieter Bruehgel – "Die Jäger im Schnee" – überzeugte den tschechischen Regisseur schließlich von einem Winter-Szenario. Doch dann blieb der Schnee in Sachsen aus, vor der Moritzburg musste mit Kunstschnee nachgeholfen werden. Im Böhmerwald dagegen versank das Team im Tiefschnee.
Wie auch immer: Der glitzernde Schnee, die fantasievollen Kostüme, Libuše Šafránková als freches Aschenbrödel und die Titelmusik von Karel Svoboda – ein Evergreen, mit dem es ansonsten nur Ennio Morricone aufnehmen kann – bezaubern Jung und Alt bis heute. Unvergessen auch Rolf Hoppe als gutmütiger, aber dauernörgelnder König, dem der Prinz auf der Nase herumtanzt. Zur Abwechslung also mal ein Vater-Sohn-Konflikt. Zum Glück rettet Aschenbrödel das Königreich, indem sie den heiratsunwilligen Prinzen um den kleinen Finger wickelt. Wer weiß, was sonst aus der Monarchie geworden wäre. Aber natürlich erzählt der Film in erster Linie eine Emanzipationsgeschichte. Die Frauen müssen nun definitiv nicht mehr erzogen werden. Sie bestimmen selbst über ihr Schicksal.
"Gritta von Rattenzuhausbeiuns" – Gebt den Kindern das Kommando
In einem verfallenen Schloss lebt der verarmte Hochgraf von Rattenzuhausbeiuns mit seiner Tochter, seinem letzten Diener und hunderten von Ratten. Zu essen gibt es nur Haferbrei, aber es ist ein freies Leben. Während der gutmütige, verwirrte Papa an einer Thronrettungsmaschine bastelt, stromert Tochter Gritta mit ihrem Freund, dem Gänsehirten Peter, durch die Gegend und lässt sich von ihm Liebesbeweise erbringen. Doch dann wird alles anders: Der Papa heiratet die junge, hochnäsige Gräfin Nesselkrautia – und Gritta wird ins Kloster abgeschoben, wo sie allerdings einen Komplott gegen den König aufdeckt.
Romantisches Märchen, Abenteuer- und Fantasyfilm, historischer Internatsfilm – diese Produktion, die auch in die Bundesrepublik verkauft wurde, bringt mit Leichtigkeit alles unter einen Hut. Diesmal ist es auch kein Grimm-Märchen, sondern frei erzählt nach Bettina von Arnim und ihrer Tochter Gisela. Können Kinder die Welt retten? – So die Ausgangsfrage. Sie könnten, wenn man sie ließe. Der Film ist ein erstaunlich klares Plädoyer für die freie Entfaltung des Menschen. In den 80er-Jahren sind auch wieder Kinder selbst in den Hauptrollen zu sehen, in diesem Fall neben bekannten Darstellern wie Hermann Beyer, Fred Delmare und Peter Sodann. Hinzu kommen 300 dressierte Ratten-Komparsen.
"Die kluge Bauerntochter" – der ganz eigene Zauber des Trickfilms
Neben den Spielfilmen dreht die DEFA im Dresdner Trickfilmstudio auch zahlreiche animierte Märchenfilme. Sie sind kürzer und werden oft als Vorfilme gezeigt. Doch künstlerisch wie auch mit Blick auf ihr internationales Renommee stehen sie den Spielfilmen in nichts nach. Märchenstoffe aus aller Welt werden als Zeichentrick-, Silhouetten- oder Puppentrickfilm umgesetzt. Mit "Die kluge Bauerntochter" greift Monika Krauße-Anderson 1883 ein besonders beliebtes Märchen auf – für einen der schönsten DEFA-Puppentrickfilme. Schon der Spielfilm "Wie heiratet man einen König" und ein Trickfilm von 1960 hatten den Stoff verarbeitet.
Die Bauerntochter findet beim Umgraben des Feldes einen goldenen Mörser. Der Vater will ihn sofort zum König bringen, doch die kluge Tochter weiß: "Gibst du ihm den Mörser, will er auch den Stößel haben." Die Despoten dieser Welt sind eben alle gleich. Und so landet der Bauer im Gefängnis. Mit List holt ihn die Tochter da raus, und nicht nur das: Das Muster aus alten Zeiten kehrt sich um – endlich zähmt die Frau den Mann. Als kluge Königin überlässt ihr der König sogar die Regierungsgeschäfte.
Die liebevoll gestalteten Puppen von Irena Schaller, die kunstvolle Lichtsetzung, die eine Illusion von Gemälden schafft, und die schlichte Musik mit Maultrommel und Dudelsack tragen zu einem vergnüglichen Filmerlebnis bei. Auch Erwachsene haben an den Szenen einer Ehe am königlichen Hof ihre Freude.
Quellen: DEFA-Stiftung (Gespräch mit Philip Zengel),
Buch: "Die DEFA Märchenfilme", Hrsg. DEFA-Stiftung, 2010,
Buch: "Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA-Spielfilme 1946-1992", Hrsg. Filmmuseum Potsdam, 1994