Kolumne: Das Altpapier am 21. Oktober 2026
Wenn es für Warnungen schon zu spät ist
Simon Stricks Buch "Faschisierung. Fluchtlinien des Digitalen" macht deutlich, dass die Geschichte der digitalen und insbesondere der sozialen Medien noch dunkler ist, als wir uns das bisher vielleicht vorgestellt haben. Heute kommentiert René Martens die Medienberichterstattung.
Das Altpapier
"Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren und bewerten aus ihrer Sicht die aktuellen medienjournalistischen Themen."Was ist in den Mechanismen des Journalismus schief gelaufen?"
Über den Begriff "Faschisierung" sind regelmäßige Leserinnen und Leser der Altpapier-Kolumne vielleicht schon gestolpert. Ende Juli und Ende August zum Beispiel, als es an dieser Stelle ausgehend von einer Feuilleton-Debatte um die Frage ging, wann es angebracht ist, den Begriff "Faschismus" zu verwenden und ob man mit dem Begriff "Faschisierung" nicht viel besser fährt.
Der Medienwissenschaftler Simon Strick dürfte unter den deutschsprachigen Debattenteilnehmenden bisher am häufigsten von "Faschisierung" gesprochen haben. In der vergangenen Woche ist nun sein Buch "Faschisierung. Fluchtlinien des Digitalen" erschienen. Welchen Niederschlag hat es bisher in den Medien gefunden?
Anh Tran steigt in ihr Interview, das sie für das DLF-Medienmagazin "@mediasres" mit Strick geführt hat, mit der medialen Verbreitung der "Mär vom großen Austausch" ein, also einer "der großen rechtsextremen Verschwörungstheorien". Siehe dazu auch das Altpapier vom 6. Oktober und eines aus der vergangenen Woche.
Es geht, um es mit Tran zu formulieren, in dem Interview zunächst also darum, dass "in der Zeitung 'Die Welt' dessen ehemaliger Herausgeber und Chefredakteur Ulf Poschardt vom großen Austausch des Wahlvolks schreibt, und ein anderer 'Welt'-Kolumnist, Harald Martenstein nämlich, von der Angst, bald Fremder im eigenen Land zu sein".
Die diesbezügliche allgemeine Entwicklung beschreibt Strick so:
"Neofaschistische Formeln oder Formeln der Welterzählung, wie die neue Rechte sie seit den 70er, 80er Jahren entwickelt, (sind) Allgemeingut geworden (…) (und finden) jetzt auch in den Redaktionsstuben bei Ihren Kollegen und Kolleginnen (…) Verwendung (…)"
Tran fragt:
"Es gibt ja viele Stimmen, die warnen schon länger vor einer Diskursverschiebung im öffentlichen Raum, also auch in den Medien. Und es gibt auch noch mehr solcher Begriffe, nicht nur 'der große Austausch', sondern auch 'Remigration' oder 'Altparteien'. Das sind ja alles Begriffe, die haben sich aus dem rechten bis rechtsextremen Spektrum so langsam in die Berichterstattung geschlichen. Ist die Diskursverschiebung also schon längst da?"
Strick sagt dazu, aus seiner Sicht sei
"sozusagen die Normalisierung (…) schon längst abgeschlossen (…) Deswegen bin ich über das Warnen ein bisschen hinaus. Das sind alles Transformationen, die teilweise seit 20, 30 Jahren vor sich gehen und die, glaube ich, das, was wir (…) Medienöffentlichkeit (…) nennen, ganz fundamental verändert haben".
Um noch einmal auf Ulf Poschardt zurück zu kommen: Wenn dieser behaupte, "dass eine linke Fraktion sozusagen Einbürgerung fördern würde von muslimischen Migrant*innen, um damit Wahlstimmen für die Zukunft zu generieren", handle es sich um eine "ganz spezifische Adaption von rechten Formeln, von neurechten Propagandamustern, einfach von neurechten Umformungen von klassischem Rassismus", sagt Strick.
Der Buchautor leitet daraus eine Art Forderung ab:
"Man könnte wirklich mal überlegen: (…) Was ist in den Mechanismen des Journalismus selber schief gelaufen, dass diese Sachen immer noch funktionieren, immer noch als Provokation gesendet werden."
Eine andere Frage, die nahe liegt: Wählen Menschen mit Migrationshintergrund überhaupt überwiegend links? Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) hat vor etwas mehr als einem Jahr eine "repräsentative Analyse des Wahlverhaltens von Personen mit und ohne Migrationshintergrund" veröffentlicht. Sie basiert auf Umfragen des Meinungsforschungsinstituts USUMA im Zeitraum zwischen dem 1. Oktober 2024 bis 28. Januar 2025. Darunter: die in deutschen Medien beliebte "Wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre …"-Frage. Bei den Deutschen mit Migrationshintergrund lauteten die Ergebnisse: Linke 6 Prozent, AfD 19 Prozent. Bei Ausländerinnen und Ausländern, die gefragt wurden, wen sie wählen würden, wenn sie wählen dürften, weichen die Ergebnisse etwas ab: Linke 6 Prozent, AfD 14 Prozent.
Mit Dank an Krsto Lazarević für den Hinweis auf die KAS-Analyse!
Das "Chicken for KFC"-Meme
Für "Studio 9" (Deutschlandfunk Kultur) hat Jens Balzer "Faschisierung" rezensiert. Seine Zusammenfassung:
"Seit ungefähr drei Jahrzehnten (…) habe sich, so Strick, (in den westlichen Gesellschaften) (…) eine Rhetorik der Härte, der Empathielosigkeit, der politischen Unterscheidung in Freund und Feind ausgebreitet, die wesentliche Elemente der faschistischen Weltanschauung in sich trage. Wobei es im Kern dieser Weltanschauung stets darum gehe, wertes von unwertem Leben zu unterscheiden (…) Wie konnte es dazu kommen, dass die Gesellschaft sich 'faschisiert'? Wesentlichen Anteil darin trage, so Strick, der Siegeszug der digitalen Medien. In den Neunzigerjahren wurde das Internet zu einem gesellschaftsprägenden Phänomen; in der gleichen Zeit hätten sich reaktionäre Kräfte aller Art daran gemacht, die demokratischen Institutionen zu untergraben."
Balzer lobt Strick zwar ("Seine Verbindung von Politik- und Technikgeschichte ist interessant"), hat aber ein Problemchen. Es lautet: Wie schaffe ich es, in einer Buch-Rezension das Thema unterzubringen, das auf meiner Herzensagenda ganz, ganz oben steht, obwohl es in dem Buch leider, leider überhaupt nicht vorkommt? Balzer, der alte Fuchs, findet dafür aber eine Lösung. Er schmeißt den Hörern ein Hufeisen entgegen bzw. "rutscht wie üblich in den NZZ/WELT/Apollo-News-Hufeisen-Diskurs ab" (Christian Bettges):
"(Es) wäre zu fragen, ob der Prozess der Faschisierung, den Strick beschreibt, heute nicht gerade auch linke und progressive Diskurse ergriffen hat, etwa wenn man die sich festigende Allianz zwischen postkolonialen Linken und fundamental-islamistischen Kräften betrachtet; oder die immer unverhohlenere Sympathie, die viele Linke, Ex-Linke und Rechte gemeinsam für den russischen Faschismus bekunden. Beide Prozesse der linken Faschisierung wären einer ähnlichen Analyse wert, wie Strick sie für die rechte Faschisierung hier vorgeführt hat."
Zu den Themen im Strick-Interview bei netzpolitik.org, das Daniel Leisegang geführt hat, gehört die Frage, inwiefern "Memes auch das Aussprechen von Vernichtungsfantasien erleichtern" (Leisegang). Strick dazu:
"Ein Beispiel, das ich im Buch beschreibe: Queere Menschen setzen sich unter anderem für palästinensische Unabhängigkeit ein. Das Motto 'Queers for Palestine' wurde im Netz mit 'Chicken for KFC' gleichgesetzt, nach dem Motto: Weil Gaza angeblich in Gänze Hamas und queerfeindlich sei, sind 'Queers for Palestine’ wie Hühner, die für ihre Schlachtung durch Kentucky Fried Chicken demonstrieren. Diese Formel verbreitete sich rasant, weil sie sowohl Palästinenser als brutale Barbaren als auch Queers als irrational und naiv darstellt."
Was in einem sehr unangenehmen Sinne faszinierend ist:
"Völlig verschiedene Akteure kommen dabei zum Gleichklang: anonyme Onlinetrolle, die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch, die Schriftstellerin Herta Müller, der ehemalige Antisemitismus-Beauftragte Felix Klein und auch Benjamin Netanjahu, der 'Chicken for KFC' vor dem US-Senat als Witz anbringt. Solche Memes transportieren Entmenschlichungs- und Vernichtungsfantasien fast von selbst weiter, selbst wenn die einzelnen Sprecher:innen das nicht beabsichtigen. Sind Queers so naiv, sollten sie abgeschlachtet werden. Sind Palästinenser solche Barbaren, muss die Vernichtung Gazas eskaliert werden. Es bilden sich memetische Kollektive, die sich gegenseitig darin bestärken, solche Sprach- oder Memefantasien als Legitimation zu nehmen, als Argument, schließlich als Vorlage für Handlungen."
Die Entgleisung der Jungen Union
Ein aktuelles Beispiel dafür, wie sich Politiker das Mindset von Online-Trollen angeeignet haben, ist das "Nie wieder ist jetzt!"-Banner, das auf dem sog. Deutschlandtag der Jungen Union zu sehen war. Timo Lehmann kommentiert für den "Spiegel":
"Auf einer riesigen Leinwand präsentierte sie den Slogan (…) mit einem Bild von einem Menschen mit dunkelbraunen Augen, maskiert mit einer Kufiya, einem Symbol der palästinensischen Bewegung, und einem Sticker mit dem Namen der linken Spitzenkandidatin Elif Eralp. Die jungen Konservativen beziehen sich mit dem 'Nie wieder!'-Zitat auf den Nationalsozialismus. Es leitet sich direkt ab aus dem Schwur von Buchenwald, in dem ehemalige KZ-Häftlinge die »Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln« forderten. Die JU setzte die mögliche rot-rot-grüne Regierung in einer Linie mit dem NS-Regime. Auch von Social-Media-Kanälen der Unionsbundestagsfraktion wurde solch eine Erzählung verbreitet. Das ist eine schwere Entgleisung. Zur Erinnerung für die JU: Sozialdemokraten, andere Linke und auch Kommunisten saßen mit in den Konzentrationslagern. Der Holocaust, die systematische, industrielle Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg, war ein Verbrechen von Rechtsextremisten."
Simon Strick kommentiert den erwartungsgemäß viral gegangenen Vorfall bei Bluesky so:
"Fanatisierte Kulturkämpfer-Vereine in der CDU oder woanders (…) schauen zuerst, was am längsten brennt: Kirk-Memes, Klimakleber-Memes und nun eben der Dauerbrenner 'SED-EnteignungsIntifada vs IsraelChristianWesternCivilization'."
Im Kampf gegen die Linke ist das JU-Banner nicht die erste "Entgleisung" (Timo Lehmann) unter, nun ja, Konservativen. In einem heute erschienenen Beitrag für das Schweizer Magazin "Republik" erinnert Hanno Hauenstein an den Fall Thadeusz (siehe Altpapier):
"Im Primetime-Kommentar der ARD schlug Jörg Thadeusz einen wirklich aberwitzigen Bogen von Elif Eralp zu Auschwitz. Die leitende Suggestivfrage: Können Politiker von Grünen und SPD wirklich noch am Holocaust-Gedenktag teilnehmen, wenn sie mit der Linken koalieren? Derart billige Vereinnahmungen – in diesem Fall: des Holocaust-Gedenkens – für antilinke Stimmungsmache wurden gewissermassen zum Leitmotiv der Berichterstattung."
"Parteien und Journalismus passen sich den digitalen Reaktionsformen an"
Eine für Medienkritiker besonders instruktive Passage findet sich in dem netzpolitik.org-Interview mit Strick:
"Soziale Medien sind darauf ausgerichtet, Ereignisse herzustellen, auf die man reagieren kann. Nutzer liken, kommentieren und befinden sich dauerhaft im Reaktionsmodus auf ihrer Timeline. Das heißt erstens, dass Politik als Ereignis stattfinden muss. Und zweitens müssen politische Ereignisse möglichst kontrovers oder provokativ sein, um mehr Reaktionen hervorzurufen. Das Problem ist also nicht nur Rechtspopulismus, sondern eine Öffentlichkeit, die um das Prinzip Reaktionsmaximierung herum gebaut ist. Parteien, die am krassesten agieren – was oftmals rechte Parteien sind –, politische Figuren, die am lautesten reagieren (…) Parteien und Journalismus passen sich diesen digitalen Reaktionsformen an."
Das heißt aber eben auch, dass die in den etablierten Medien verbreiteten Warnungen vor den (vermeintlichen) Gefahren, die von den sozialen Medien ausgehen, mindestens wohlfeil, wenn nicht gar heuchlerisch sind – weil die etablierten Medien die Weltbetrachtungsmodelle der sozialen Medien adaptiert haben.
Zu den Parteien, die sich im – sagt man das noch? – Real Life den digitalen Reaktionsformen anpassen, gehört auch die SPD. Gegenüber netzpolitik.org geht Strick auf den Protest ihrer Bundestagsfraktion gegen die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt, den sie auf dem Bebelplatz in Berlin, also dem Ort der Bücherverbrennung, aufführte:
"Hier wurde das politische Ereignis 'Antifaschismus' von einer Regierungspartei hergestellt, für 'Reaction Content'. Reaktionen kamen sofort, sowohl skandalisierend als auch nach dem Motto 'Endlich tut sich was!'. Passiert war im Grunde genommen nichts, außer einem Flashmob mit Kamerabegleitung (…) Donald Trump oder auch das Weiße Haus kommunizieren in Memes, (aber) (a)uch die SPD-Aktion am Bebelplatz kann man als memetische Operation verstehen, die Unzusammenhängendes verbindet, um eine Irritation oder Affekt zu erreichen: Regierungspartei kämpft als Antifa gegen die NSDAP. Modernes Branding, vorbei an politischen Realitäten."
Die Überschrift eines Interviews, das Julius Seibt für den "Freitag" mit Strick geführt hat, lautet:
"Die Reaktion liegt den Reaktionären."
Aber halt nicht nur ihnen.
Am Donnerstag kommt "Das Altpapier – Dein tägliches Medienupdate" von Klaus Raab.