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Analyse Das Abgeordnetenhaus So hat Berlin seit 1990 gewählt
Auf dem Abgeordnetenhaus in Berlin weht eine Flagge der Stadt Berlin (Quelle: DPA/Britta Pedersen)
Auf dem Abgeordnetenhaus in Berlin weht eine Flagge der Stadt Berlin (Quelle: DPA/Britta Pedersen)

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Am 20. September wählen die Berlinerinnen und Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. Seit die Stadt im Oktober 1990 wiedervereinigt und zu einem Bundesland wurde, haben sich die politischen Kräfteverhältnisse immer wieder verschoben.

Langanhaltende Trends beim Wahlverhalten haben sich entwickelt. In mancherlei Hinsicht scheinen sich hingegen unverrückbare Naturgesetze eingestellt zu haben. Das zeigt der Vergleich aller Wahlergebnisse für das Berliner Landesparlament der vergangenen 36 Jahre.

So hat etwa die Briefwahl massiv an Bedeutung gewonnen; die Ost-West-Teilung bei der Parteienzustimmung ist zusehends verblasst. Andererseits schwankt der Anteil von Frauen unter den Abgeordneten lediglich in einem relativ schmalen Korridor; und was die Wahlbeteiligung angeht, ist Berlin schon immer eher unter Durchschnitt im Bundesvergleich.

Mehr Parteien, engere Rennen

In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung bestanden die Berliner Regierungen noch aus politischen Kräften mit dem Status von Volksparteien. Die CDU erreichte in den Neunzigerjahren Wahlergebnisse um die 40 Prozent, die SPD konnte bis 2011 oft um die 30 Prozent einfahren.

Danach wurde das Rennen meist enger. Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke eroberten Stimmenanteile der großen Parteien und rückten auf. Neue politische Kräfte zogen mit starken Ergebnissen erstmals in das Abgeordnetenhaus ein. Etwa die Piratenpartei 2011 oder die AfD fünf Jahre später. Während es für die Erstgenannte ein einmaliger Ausflug ins Berliner Parlament blieb, konnten sich Letztgenannte etablieren.

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Laut dem aktuellen BerlinTrend von Infratest Dimap im Auftrag von rbb24 Abendschau und rbb 88.8 gibt es in diesem Jahr ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Linke und CDU, dicht gefolgt von den Grünen und der AfD. Etwas abgeschlagen lag zuletzt die SPD. FDP und BSW müssen demnach bangen, ob sie im September die Fünf-Prozent-Hürde überspringen können.

Von der Ost-West-Teilung zum Donut

Lange Zeit unterschied sich das Wahlverhalten in der wiedervereinten Stadt deutlich. SPD und die PDS – eine der Vorgängerinnen der Linkspartei – waren stark im Osten. Der Westen war fest in der Hand der CDU. Das zeigt ein Blick auf die gewonnenen Wahlkreise nach Zweitstimmen.

2001 setzte eine Art politische Osmose ein, die seitdem anhält. Damals wurde eine vorzeitige Neuwahl durchgeführt, nachdem die Bankengesellschaft Berlin AG – damals die landeseigene Bank – unter skandalösen Umständen pleite ging. Daraufhin stimmte das Abgeordnetenhaus über das Vertrauen in den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) ab – welches die Mehrheit der Parlamentarier ihm nicht mehr entgegenbrachte.

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Bei der darauf folgenden Wahl gelang es den Sozialdemokraten erstmals seit der Wiedervereinigung zentrale Kieze sowie Spandau zu gewinnen. Die Union wurde an die Ränder des Berliner Westens zurückgedrängt. Nach den Zweitstimmen blieb der Ostteil in der Hand der PDS. Erst 2023 konnte die CDU wieder zur stärksten politischen Kraft in Berlin werden.

In der Zwischenzeit verloren die beiden großen Parteien tendenziell an Zustimmung, während bis dahin typische Juniorpartner aufrückten – oder neue Parteien aufstiegen. Das engste Rennen erlebte Berlin 2016, als die Endergebnisse von fünf Parteien in einem Bereich von sieben Prozentpunkten landeten. Zum ersten Mal formierte sich daraufhin in der Stadt eine Dreier-Koalition bestehend aus SPD, Grünen und Linken. Im gleichen Jahr gelang es fünf Parteien Wahlkreise nach Zweitstimmen zu gewinnen. Ebenfalls ein Novum.

Einen Sonderfall stellt der Wahlkreis rund um den Bergmann-Kiez in Kreuzberg dar. Seit 1995 sind hier unangefochten die Grünen am stärksten. Die grüne Insel in der Wahlkarte ist seither zu einem Archipel herangewachsen, das mittlerweile weite Bereiche innerhalb des S-Bahnrings einnimmt.

Darum formte sich zunächst ein Ring in sozialdemokratischem Rot und linkem Violett, während sich die Ränder im Westen meist CDU-schwarz und im Osten oftmals AfD-hellblau einfärbten.

Zuletzt konnte die CDU mit Abstand die meisten Wahlkreise nach Zweitstimmen gewinnen, die Grünen blieben im Zentrum stark, Linke und AfD konnten sich jeweils in zwei Stimmkreisen im Osten der Stadt durchsetzen. Das Farbergebnis der Abgeordnetenhauswahl 2023: ein schwarzer Donut mit grüner Mitte sowie lila und hellblauen Flecken.

Die Karte der gewonnenen Wahlkreise ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur bunter geworden, sondern auch unberechenbarer. Während in den Neunzigerjahren Wahlkreise mit 30, 40, 50 Prozent oder noch höheren Anteilen gewonnen wurden, gelang dies zuletzt mit immer niedrigeren Ergebnissen. Die Linke konnte den Wahlkreis 1105 in Lichtenberg 2023 etwa mit 20,9 Prozent der Zweitstimmen gewinnen – 1,1 Prozentpunkte vor der zweitplatzierten CDU.

Wahlbeteiligung: schon immer unterdurchschnittlich

Dass die Ergebnisse der Parteien tendenziell zueinander gerückt sind, hat sich auch auf die Sitzverteilung im Abgeordnetenhaus ausgewirkt. 1990 gab es noch zwei große und drei deutlich kleinere Fraktionen. In der zurückliegenden Legislaturperiode beherbergte das Parlament drei mittelgroße Fraktionen und zwei etwas kleinere. Solche Verhältnisse machen Zweier-Koalitionen zunehmend unwahrscheinlicher.

Ein weiterer Trend im Berliner Abgeordnetenhaus ist, dass es sich stetig verkleinert hat. Dies ist kein Effekt der Wahlen, sondern vor allem mehreren Reformen geschuldet. Die meisten Sitze hatte das Parlament nach der Wiedervereinigung (241), elf Jahre später war es auf 141 geschrumpft. Nach der Wiederholungswahl 2023 nahmen 159 Abgeordnete Platz, was auf eine relativ hohe Zahl an Ausgleichs- und Überhangmandaten zurückzuführen war.

Die Wahlbeteiligung lag nach der Wiedervereinigung meist zwischen 58 und 68 Prozent bei Abgeordnetenhauswahlen. Nur 1990 und 2021 wurden Werte um die 80 Prozent erreicht. In beiden Jahren wurde parallel für einen neuen Bundestag abgestimmt. Ohne diesen Huckepack-Effekt beteiligen sich an Abgeordnetenhauswahlen oftmals deutlich weniger Menschen als bei Landtagswahlen in vielen ost- oder süddeutschen Flächenländern.

Die Berliner Werte sind allerdings erwartbar für einen Stadtstaat. Auch in Bremen oder Hamburg liegt die Wahlbeteiligung meist in diesem Bereich bei vergleichsweise ausgeprägter Volatilität - also Schwankungsbreite. Im Westen Deutschlands ist die Beteiligung an Landtagswahlen dagegen oft niedriger als in Berlin.

Stille Macht und enormes Potenzial: Nichtwählende

Nichtwählende sind in Berlin eine stille Macht. Beziehungsweise: Sie bergen enormes Potenzial für die politischen Parteien. Das wird deutlich, wenn die Zahl der Zweitstimmen nicht an den Wählenden gemessen wird, sondern an den Wahlberechtigten.

Nur bei der Wahl im Dezember 1990 konnten Parteien mehr Stimmen erreichen, als Menschen der Wahl fernblieben. Seitdem war der Anteil der Nichtwählenden immer höher als der Stimmanteil der jeweils populärsten Partei.

Beispielhaft zeigt dies das Ergebnis von 2023: Stärkste Kraft wurde die CDU mit 28,2 Prozent der abgegebenen Stimmen – dabei stimmten nur 17,6 Prozent aller Wahlberechtigten für Christdemokraten. Der Anteil der Nichtwählenden lag mehr als doppelt so hoch bei 37,1 Prozent.

Besonders ausgeprägt war dieses Missverhältnis 2006, als die bisher niedrigste Wahlbeteiligung seit der Wiedervereinigung verzeichnet wurde. Die SPD gewann mit 30,8 Prozent der abgegebenen Stimmen, doch nur 17,5 Prozent aller Wahlberechtigten entschieden sich für die Sozialdemokraten.

Da es zudem relativ viel Zuspruch für Parteien gab, die es nicht ins Abgeordnetenhaus schafften [hier immer als Sonstige zusammengefasst], repräsentierte das Berliner Parlament am Ende den Willen von rund 49 Prozent der Wahlberechtigten.

Zuletzt ergab sich ein ähnliches Verhältnis. Nach der Wahl 2023 repräsentierten die Parteien im Abgeordnetenhaus den Willen von 53,8 Prozent der Wahlberechtigten. Auf die Parteien der späteren Regierungskoalition CDU und SPD entfielen am Wahltag 707.245 Stimmen. Das entsprach 46,6 Prozent der abgegeben Stimmen und reichte – aufgrund vieler Stimmen für schlussendlich erfolglose Parteien – bequem zur Regierungsmehrheit.

Gemessen an den damals 2.431.776 Wahlberechtigten erreichte die Koalition jedoch nur 29,1 Prozent Zuspruch. Auf die Spitze getrieben bedeutet dies, dass CDU und SPD vor dreieinhalb Jahren von 18,4 Prozent der gesamten Berliner Bevölkerung gewählt wurden. Ein beachtenswerter Tiefstand, der neben einer niedrigen Wahlbeteiligung und vielen Stimmen für Sonstige auch auf die steigende Zahl von Menschen zurückzuführen ist, die in Berlin leben, aber kein Wahlrecht besitzen.

Briefwahl steigt, Frauenanteil der Abgeordneten stagniert

Die Briefwahl hat in Berlin enorm an Beliebtheit gewonnen. Dieser Trend existiert in allen Bundesländern und lässt sich auch bei Bundestags- oder Europawahlen beobachten.

Spitzenwerte, wie sie im März in Rheinland-Pfalz erreicht wurden (48,1 Prozent Briefwahlstimmen) oder 2023 in Bayern (55,1 Prozent), hat es in Berlin noch nicht gegeben [swr.de, beziehungsweise br.de]. Besonders oft wurde vor fünf Jahren per Brief für das Abgeordnetenhaus gestimmt (46,8 Prozent) – aufgrund der Corona-Pandemie bestanden diverse Kontaktbeschränkungen.

Was die Parität von Frauen und Männern unter den Abgeordneten angeht, ist Berlin im Bundesvergleich eher Mittelmaß. Der Frauenanteil schwankt seit 1990 zwischen 30 und 40 Prozent. Zuletzt hielten Frauen im Berliner Abgeordnetenhaus 36,5 Prozent des Stimmgewichts – in der Hamburger Bürgerschaft sind es aktuell 45,5 Prozent, der bundesweite Durchschnitt der Landesparlamente liegt bei 33,2 Prozent.

Mitarbeit: Uwe Preisendörfer

Sendung: rbb|24, 15.08.2026, 07:24 Uhr

Audio: rbb|24, 15.08.2026, Sabine Priess im Gespräch mit Oliver Noffke

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