Sexualisierte Gewalt im Sport Aufarbeitungskommission Turnen Weimar legt Bericht vor - Respekt!
Das hat es im Sport in Deutschland noch nicht gegeben: Eine unabhängige Kommission hat jahrelange sexualisierte Gewalt in einem Sportverein aufgearbeitet und stellt einen Abschlussbericht vor. Öffentlich.
Eigentlich normal, so geht Aufarbeitung. Nicht im Sport: Hier wurden andere Kommissionen bisher entweder juristisch gestoppt, haben Abschlussberichte nur in zum Teil nichtssagenden Auszügen veröffentlicht oder gar nicht. Betroffenen ist nichts davon gerecht geworden.
Die "Aufarbeitungskommission Turnen Weimar" macht das ganz anders. Ihr Bericht stellt die Betroffenen in den Mittelpunkt. Genau so ist das angemessen, richtig und wichtig. Dafür gebührt allen Respekt.
Eine "Koalition des Wollens"
Zuallererst den jungen Frauen, die zum Teil Jahrzehnte nach den Taten das erlebte Leid noch einmal hochgeholt und mit der Kommission geteilt haben.
Respekt aber auch für die Kommission. Sie ist ohne Angst vor möglichen juristischen und datenschutzrechtlichen Auseinandersetzungen ihrer Haltung treu geblieben.
Respekt für den Verein, der Tatort war. Er hat letztendlich Verantwortung übernommen und der Aufarbeitung seines Versagens zugestimmt.
Und Respekt für den Landessportbund Thüringen, der den Anstoß zur unabhängigen Aufarbeitung gegeben hat. Ohne diese "Koalition der Wollens" hätte es diesen Bericht nie gegeben.
Versagen der handelnden Personen im Verein
"Das Schweigen (Durch)Brechen" lautet der Titel des Abschlussberichts. Dreißig Seiten mit den Betroffenen im Zentrum und der Frage: Wie konnte es in der Turnabteilung des Breitensportvereins über Jahre zu psychischer und sexualisierter Gewalt an jungen Mädchen kommen?
Hier analysiert der Bericht noch einmal die perfide Strategie des Täters, der zielgerichtet die ganze Turnabteilung manipuliert, seine Schutzbefohlenen gedemütigt und ihnen sexualisierte Gewalt angetan hat.
Die Frage, wer hat versagt, beantwortet der Bericht ganz klar mit: die handelnden Personen im Verein, durch kollektives Wegschauen und Schweigen. Betroffene lassen durchblicken: Sie hätten sich hier mehr Härte und Zuspitzung in der Beschreibung des Versagens gewünscht. Das ist berechtigt und nachvollziehbar.
Genauso wie die Kritik: Vier Jahre vom Beginn der Aufarbeitung bis zum Abschlussbericht sind zu lang. Das zeigt: Im Ehrenamt ist eine solche Aufarbeitung nicht zu leisten. Hier braucht es in der Zukunft hauptamtliche Strukturen.
Wachsam sein und handeln
Auch das ein Fazit der Kommission. Sie empfiehlt für die Zukunft, sich mit Täterstrategien auseinandersetzen, sie erkennen und stoppen, Kinder schulen, welches Verhalten im Sport ist okay und welches nicht. Und Schutzkonzepte erarbeiten, zugeschnitten auf die Sportorganisation und diese dann ständig aktualisieren. Wachsam sein und handeln.
"Das Schweigen (Durch)Brechen" sind 30 Seiten voller Erkenntnisse. Etwa dieser: "Sexualisierte Gewalt im Sport ist mehr als ein individuell erlebtes Unrecht – sie ist kollektives Versagen."
Das haben die betroffenen Turnerinnen noch einmal deutlich gemacht. Ohne sie wäre der Bericht nie erschienen. Zuallererst ihnen gebührt Respekt.