Opposition fordert Sofortprogramm Rund 2.200 Hitzetote in Hessen - wie reagiert die Landesregierung?
Bis Mitte August sind fast 2.200 Menschen in Hessen an den Folgen der hohen Temperaturen in diesem Sommer gestorben, wie das Robert-Koch-Institut meldet. Beim Hitzeschutz verweist die Landesregierung auf die Zuständigkeit der Kommunen und auf Fördertöpfe - doch die Mittel reichen offenbar nicht.
In diesem Jahr sind nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) in Hessen bislang etwa 2.190 Menschen wegen Hitze gestorben. Die Zahl umfasst hitzebedingte Sterbefälle bis Mitte August, wie aus dem aktuellen RKI-Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität hervorgeht. Das sind deutlich mehr als in jedem einzelnen Gesamtjahr seit 2016.
Die meisten Hitzetoten in Hessen in den vergangenen zehn Jahren gab es bisher 2018 - damals waren es im gesamten Jahr etwa 1.160. Im laufenden Jahr kommen den Schätzungen zufolge im Bundesland 34,9 hitzebedingte Todesfälle auf 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner. 2025 waren es 5,4.
Zahlen werden jeden Monat neu berechnet
Die Angaben, auch zu den vergangenen Jahren, variieren im Vergleich zu den RKI-Angaben im vorigen Wochenbericht. Laut einer Sprecherin liegt das daran, dass die Schätzungen jeden Monat neu berechnet werden - auch jene für die vergangenen Jahre. "Auch das Modell wird weiterentwickelt. Daher kommen nicht zwingend die exakt gleichen Zahlen raus", erklärte sie.
Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?
An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Die Schätzung des RKI basiert unter anderem auf Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamts und auf Daten des Deutschen Wetterdiensts und reicht für das laufende Jahr bis zum 16. August. Die Spanne der Schätzungen ist hoch: Je nach Berechnung kommen die Statistikerinnen und Statistiker des RKI für Hessen auf mindestens 1.780 oder höchstens 2.610 hitzebedingte Sterbefälle bisher in diesem Jahr.
Betroffen sind besonders ältere Menschen
Die diesjährigen Hitzewellen Ende Mai und Ende Juni sowie im Juli und August haben deutschlandweit nach Schätzungen des RKI zu rund 15.800 Sterbefällen geführt. Damit starben 2026 auch bundesweit deutlich mehr Menschen infolge von Hitze als sonst.
Besonders betroffen sind ältere Menschen. Von den geschätzten 15.800 hitzebedingten Sterbefällen seien 9.600 auf die besonders heiße Woche Ende Juni und etwa 4.000 auf die Hitze in den Wochen von Ende Juli bis Mitte August zurückzuführen, teilte das RKI mit.
Grüne: Kinder und Ältere besser schützen
Angesichts der sich seit vielen Wochen abzeichnenden hohen Zahl an Hitzetoten wirft die Landtagsabgeordnete Martina Feldmayer von den Grünen der Landesregierung "ein erbärmliches Verhalten" vor. Weder habe sie sich zu den Verstorbenen geäußert noch zur Lage der Menschen in Pflegeheimen, die dort bei mehr als 30 Grad Innentemperaturen lebten.
Feldmayer fordert ein "Sofortförderprogramm des Landes", um Kindertagesstätten, Schulen und Seniorenheime besser gegen Hitzeperioden zu rüsten, etwa durch den flächendeckenden Einbau von Klimaanlagen.
Gesundheitsministerin: Kommunen müssen handeln
Hessens Gesundheitsministerin Diana Stolz (CDU) sagte vor Wochen, zusätzliche Fördermittel des Landes zum Hitzeschutz seien nicht geplant. Sie verwies darauf, dass der Hitzeschutz in die Zuständigkeit der Kommunen falle.
Sie halte dies auch für sinnvoll, da es für jede Einrichtung eine individuelle Lösung brauche, sagte Stolz. Die Städte und Gemeinden könnten dafür Geld aus dem bestehenden 4,7-Milliarden-Euro-Paket beantragen, das das Land den Kommunen jüngst bereitgestellt habe. Die Mittel dafür stammen aus dem Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur und Klimaschutz.
Auch Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) wies im hr-Sommerinterview Kritik an der Landesregierung zurück, sie sei angesichts der voraussichtlich beständig zunehmenden Hitze in Hessen untätig. CDU und SPD unterstützten Hitzeaktionspläne in den Kommunen, dazu gebe es eben die Fördermöglichkeiten aus dem milliardenschweren "Hessen-Plan".
Landrat: Fördermittel reichen nicht
Der Offenbacher Landrat Oliver Quilling, wie Stolz und Rhein ebenfalls in der CDU, macht darauf aufmerksam, dass das Geld aus diesem Topf für einen nachhaltigen Hitzeschutz in Einrichtungen für besonders gefährdete Gruppen - Kinder und Ältere - kaum reicht. "Allein für Akutmaßnahmen für all unsere Schulen haben wir für dieses Jahr 2,6 Milliarden Euro eingeplant", sagte Quilling dem hr.
Der Kreis als Schulträger untersuche alle Schulen auf eine nötige klimatechnische Nachrüstung hin. "Die Summe, die wir dafür investieren müssen, wird sehr viel höher sein", sagte der Offenbacher Landrat.
Der Bund legte vor Jahren ein Programm zur "Förderung zur Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen" auf. Doch dafür gilt seit Ende 2024 ein Antragsstopp. Je nachdem wie der Bundeshaushalt aufgestellt werde, könne die Förderung wieder aufgenommen werden, teilt das Bundesumweltministerium mit.
Doch beim Bund ist das Geld ebenso knapp wie beim Land. Hessens Gesundheitsministerin Stolz will sich dennoch bei der schwarz-roten Bundesregierung "für praktikablere Lösungen, die im Interesse der Pflegebedürftigen und der Einrichtungen sind, einsetzen".