Ausstellung im Museum Angewandte Kunst Frankfurt Alles in Butter – Neues Design für die Demokratie
Warum werfen wir Wahlzettel in Mülltonnen? Müssen Orden aussehen wie beim Militär? Ist der Bundesadler nur als Zeichen von Macht denkbar? Eine Ausstellung stellt Symbole der Demokratie in Frage – mit überraschenden Ergebnissen.

Es fällt uns schon gar nicht mehr auf: Am Wahltag schmeißen wir unseren Wahlschein oft in eine Mülltonne mit Schlitz im Deckel. Acht solcher Mülltonen, die in hessischen Kommunen als Wahlurnen genutzt werden, sind jetzt im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen – manche von ihnen wurden wenigstens dekoriert oder mit dem Stadtwappen versehen, andere sind von normalen Abfallbehältern nicht zu unterscheiden.
"Wenn man darüber nachdenkt, dass viele Menschen finden, dass ihre Stimme nicht gehört wird, und dann gehen sie zur Wahl und schmeißen die in einen Mülleimer, ist das vielleicht eine problematische Geste", sagt Friedrich von Borries. Er ist Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.
Neue Orden braucht das Land
Friedrich von Borries hat die Ausstellung "Adler, Orden, Wahlurne - Redesigning Democratic Representation" im Museum Angewandte Kunst kuratiert. Sie ist zugleich ein Forschungsprojekt - zur Frage, wie Objekte aus dem Alltag unserer Demokratie funktionieren und wie diese anders gestaltet werden könnten. Zum Beispiel Orden wie das Bundesverdienstkreuz.
Eine in mehrfacher Hinsicht überholte Form, findet von Borries: "Ein ursprünglich christliches Symbol, und vor allem ist die Form und auch der Name militärisch konnotiert. Es sieht schon sehr aus wie das sogenannte Eiserne Kreuz, das im Ersten und Zweiten Weltkrieg verliehen wurde."
Bakterienkultur als Fingerabdruck
Eine der Designerinnen, die für das Ausstellungsprojekt neue Orden entworfen haben, ist Anna Rosinke. Sie versucht die Individualität der zu ehrenden Person einzufangen, indem sie Ordenskreuze mit ganz persönlichen Bakterienkulturen dekoriert. Klingt etwas eklig, führt aber zu überraschend hübschen Gebilden.

"Das Mikrobiom der Haut ist nicht genetisch vererbt, sondern es wird aufgebaut wie eine mikrobielle Biographie", erklärt Rosinke ihre Idee. Damit stehe es wie ein Fingerdruck für die Unverwechselbarkeit der Person. Aus den Bakterienkulturen entwickelt die Designerin individuelle Formen und stellt diese als quietschbunte Figuren mit dem 3D-Drucker her. Damit werden dann die Orden dekoriert.
"Veränderung duch gemeinsames Nachdenken"
Wäre so etwas als neues Bundesverdienstkreuz denkbar? "Es ist nicht so, dass wir jetzt hoffen, der Bundespräsident kommt vorbei und sucht sich drei neue Ordensentwürfe aus - und fertig, Problem gelöst", sagt von Borries. Vielmehr sollen die künstlerischen Entwürfe zum Nachdenken anregen: "Wie wollen wir Menschen, die sich einsetzen, wertschätzen? Das ist ein gemeinsames Nachdenken und dadurch entsteht Veränderung." Design als demokratischer Prozess.
Wie mühsam der demokratische Alltag für die gewählten Abgeordneten sein kann, auch das beleuchtet die Ausstellung anhand der Erfahrungen von drei Bundestagsabgeordneten – darunter der Frankfurter Armand Zorn (SPD). An stilisierten Infoständen mit Sonnenschirm und Bierbank sind Berichte der Abgeordneten über das Gelingen oder Nicht-Gelingen von politischer Kommunikation zu hören.

Auch das Symbol des Staates schlechthin, den Bundesadler, haben sich die Designerinnen und Designer vorgeknöpft: Als grob-pixeliges Objekt in graue Quadrate aufgelöst, als symmetrische Figur aus gefalteten Händen im farbigen Wandteppich, oder als Skulptur - aus Butter! Der Kölner Künstler Rozbeh Asmani hat sich daran erinnert, dass der Bundesadler früher oft als Gütesiegel für Lebensmittel gebraucht wurde.
"Der Adler ist verletzlich"
"Das letzte Lebensmittel mit diesem Label ist tatsächlich die Deutsche Markenbutter", sagt Asmani. "Es gab auch mal Milch und Obst, aber übrig geblieben ist die Butter. Und so kam ich auf die Idee, einen Adler aus Butter zu machen." Asmanis Butteradler wird gleich zu Beginn der Ausstellung präsentiert - gut gekühlt in einer gläsernen Vitrine.
Das Wappentier, traditionell ein Symbol von Macht und Stärke, wird dabei ganz neu interpretiert. "Das ist eben die Frage, ob der Adler ein Symbol von Macht ist", meint Asmani. "Erst mal ist er lebendig, ein Lebewesen. Damit ist er auch verletzlich. Ich verstehe diese Ausstellung als Einladung, über diese Symbole nachzudenken und diese auch mitzugestalten."

Bei den Wahlurnen bleibt die Frage der besseren Gestaltung übrigens unbeantwortet. Konkrete Entwürfe für ein neues Urnen-Design anstelle der Mülltonen sind in der Ausstellung nicht zu sehen. Stattdessen gibt es die Einladung, sich - in Wahlkabinen auf Schulbänken sitzend - alternative Ideen für den Wahlakt anzuhören: als Feiertag, als Happening, als Fest der Demokratie.