"Freunde alter Menschen" in Frankfurt Wie ein Verein Freundschaften zwischen Jung und Alt knüpft
Einsamkeit betrifft längst nicht nur alte Menschen, sondern auch die Jüngeren. Der Verein "Freunde alter Menschen" will daran etwas ändern und vermittelt Besuchspartnerschaften zwischen Jung und Alt. Wie funktioniert das?

Maria Schindel und Béatrice Frank-Ebker schlendern gemütlich nebeneinander durch den Günthersburgpark in Frankfurt. Wenn es für die ältere Dame mit den weißen Locken und Brille zu anstrengend wird, dann trägt die schwangere Frank-Ebker kurz ihre Tasche.
Schindel ist 87 Jahre alt, Frank-Ebker 38. Fast 50 Jahre liegen zwischen den beiden und trotzdem sind sie Freundinnen geworden. "Es hat sofort gefunkt", erzählt Schindel. Es sei so, als hätte sie ein neues Familienmitglied. "Die Maria ist sehr direkt, hat schwarzen Humor", sagt Frank-Ebker. "Das weiß ich sehr zu schätzen". Die beiden Frauen treffen sich seit eineinhalb Jahren regelmäßig.
Mit Bürgerpreis ausgezeichnet
Schindel und Frank-Ebker sind eines von insgesamt 110 Besuchspaaren, die der Verein "Freunde alter Menschen" zusammengeführt hat. Die beiden Frankfurterinnen Cleo Matzken und Sophie Krausch haben die Frankfurter Zweigstelle des Berliner Vereins 2020 gegründet. Das Konzept: Ehrenamtliche besuchen ältere Menschen - im Verein heißen sie "alte Freunde" - mit dem Ziel, Einsamkeit entgegenzuwirken.
Weitere Standorte des Vereins gibt es auch in Hamburg und Köln. Die Gründerinnen, beide Anfang 30, kennen sich seit ihrer Schulzeit und betreiben die Arbeit ehrenamtlich. Vor zwei Jahren wurden Matzken und Krausch für ihr Engagement mit dem "Frankfurter Bürgerpreis im Ehrenamt" ausgezeichnet.
Einsamkeit unter Älteren am höchsten
Nach Angaben des Statistischen Landesamtes leben in keiner hessischen Stadt so viele Menschen allein wie in Frankfurt. Das betrifft vor allem Menschen über 65 Jahren und älter. Alleinlebende sind statistisch gesehen häufiger von Einsamkeit betroffen.
Kontakte zu knüpfen im hohen Alter sei gerade in einer Großstadt wie Frankfurt schwerer geworden, sagt Vereinsgründerin Cleo Matzken. Das wisse sie von ihrer eigenen Oma. Viele der "alten Freunde" sehe man nicht im Stadtbild. Sie seien an ihre Wohnung gebunden, nicht mehr mobil.

Das zeigt auch die Statistik. Laut Einsamkeitsbarometer 2024 sind Menschen über 75 am stärksten von Einsamkeit betroffen.
Seniorin: "Und dann sind Sie plötzlich ganz allein"
So war das auch bei Maria Schindel, die seit 58 Jahren in Frankfurt lebt. Sie pflegte ihren kranken Ehemann bis zu seinem Tod, wie sie erzählt. Zusätzlich seien viele ihrer Freunde ins Altersheim gekommen oder gestorben.
"Und dann sind Sie plötzlich ganz allein", stellt Schindel fest. "Wenn Sie auf dem Land sind, dann kennen sie alle Leute - hier ist man anonym." Sie habe deshalb einfach mal jemanden zum Reden gesucht und Frank-Ebker gefunden.
Auch junge Menschen einsam
Auch junge Menschen fühlen sich einsam. Das zeigt eine Auswertung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) aus dem Winter 2024/2025. Demnach gaben gut ein Fünftel der 21- bis 30-Jährigen bei einer Befragung an, sich stark einsam zu fühlen. Dabei sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Insofern ist der Verein auch eine Anlaufstelle für Jüngere, die Kontakte oder eine sinnvolle ehrenamtliche Beschäftigung suchen.
Doch dem Verein geht es neben dem Thema Einsamkeit auch um einen generationsübergreifenden Austausch. Einige der "alten Freunde" haben noch den zweiten Weltkrieg oder die DDR als Zeitzeugen miterlebt. Es sind "Menschen, die einfach nicht unter demokratischen Bedingungen gelebt haben, wie wir heute", sagt Matzken. Das Gespräch mit ihnen sei wichtig für unsere Demokratie, ergänzt Krausch.
Passgenaue Vermittlung
Damit die Paare gut zusammenpassen - wie bei Schindel und Frank-Ebker -, führen die Gründerinnen mit den Freiwilligen und den Senioren Vorgespräche. Bei einem ersten Kennenlernen fragen sie Hobbys, Interessen und Erwartungen an die Besuchspartnerschaft ab.
"Man erfährt, wie humorvoll die älteren Menschen sind. Man fährt zu ihnen nach Hause. Sie freuen sich, Gastgeber zu sein", sagt Krausch. "Wir hatten einmal eine Dame, die wollte mit uns Schnaps zusammen trinken."
"Ähnlich wie eine Dating-App"
Über eine App können Freiwillige kurze Steckbriefe und Ortsmarken der alten Freunde einsehen und schauen, was zu ihnen passt. "Ähnlich wie eine Dating-App, aber ohne Dating", sagt Matzken.
Beim ersten Treffen ist immer jemand vom Verein dabei. Viele der Älteren haben mehrere Besuchspartnerschaften, so auch Schindel. Sie trifft zwei jüngere Freiwillige.

Von Kino bis Aqua-Fitness
Die Treffen können ganz unterschiedlich aussehen: Maria Schindel und Béatrice Frank-Ebker gehen gemeinsam ins Kino, auf Konzerte, ins Café und sogar zum Aqua-Gym-Kurs. Schindel findet es gut, etwas Neues auszuprobieren: "Man muss im Alter auch ein bisschen flexibel bleiben und auf den anderen zugehen", sagt sie.
Mit Schindel führe Frank-Ebker andere Gespräche als mit ihren gleichaltrigen Freunden, sagt sie. Trotzdem: Über den Altersunterschied denke sie selten nach.
"Irgendwie profitieren wir beide davon"
Die beiden Frauen haben es sich mittlerweile auf einer Parkbank im Schatten gemütlich gemacht. Vielleicht sind sie nicht trotz, sondern wegen des Altersunterschied Freundinnen geworden. Frank-Ebkers Großmutter lebe in Frankreich, erzählt sie. Es sei schön, wieder Bezug zu Älteren zu haben, jetzt, da sie selbst Nachwuchs bekomme.
"Irgendwie profitieren wir beide davon", findet Maria Schindel. "Die Erfahrung bringe ich mit - und sie sagt mir, was heute so läuft." Außerdem müsse sie ja mal jemanden fragen können, wenn etwas mit ihrem Handy nicht funktioniert.
Freiwillige gesucht
Aktuell suchen 23 der 93 alten Freundinnen und Freunde des Frankfurter Vereins neue Besuchspartner. Bewerben kann sich jeder, sagt Krausch.
"Wenn du Lust auf eine Besuchspartnerschaft hast, solltest du auf jeden Fall Interesse, Geduld, Empathie und Zuverlässigkeit mitbringen". Im besten Fall kann daraus echte Freundschaft entstehen.