ARD Young Reporter Die Offenbacher Vielfalt und ein starkes Gemeinschaftsgefühl
In Offenbach leben Menschen aus rund 150 Nationalitäten zusammen und machen die Stadt zu einer der kulturell vielfältigsten in Deutschland. Für das ARD-Projekt "Young Reporter" nimmt die 18-jährige Schülerin Nisa ihre Heimatstadt unter die Lupe – und findet: Offenbach hat ein besseres Image verdient.

Offenbach wächst. Die Stadt hat inzwischen mehr als 146.000 Einwohnerinnen und Einwohner, Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen leben hier Tür an Tür. Mehr als 67 Prozent der hier Lebenden haben eine Migrationsgeschichte - eine der höchsten Quoten unter allen kreisfreien Städten Deutschlands.
Was andernorts in Sachen Integration und multikulturellem Zusammenleben als Herausforderung diskutiert wird, gehört in Offenbach längst zum Alltag. Viele der Menschen, die hier leben und mit denen ich gesprochen habe, sehen darin eine der großen Stärken ihrer Heimatstadt: das gelebte Miteinander.
Eine Stadt, die zusammenwächst
Auch statistisch lässt sich dieser Eindruck belegen. Menschen mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen leben zunehmend in denselben Stadtvierteln. Der Segregationsindex, der die räumliche Trennung verschiedener Bevölkerungsgruppen misst, ist in den vergangenen Jahren gesunken. Offenbach ist außerdem laut Kriminalstatistik 2025 die sicherste Großstadt Hessens.
Ich bin Nisa Nur Suicer, 18 Jahre alt und die erste Teilnehmerin des Projekts ARD Young Reporter im Hessischen Rundfunk in diesem Jahr. Eine Woche lang habe ich nach dem Unterricht gelernt, wie ich mein eigenes Thema recherchiere und umsetze. Bei der Recherche habe ich viele neue Eindrücke in meiner Heimatstadt sammeln können. Das alles hat meinen Horizont erweitert.
Als ich mich in der Innenstadt umhöre und nach der Zufriedenheit der Menschen frage, schildern mir Passantinnen und Passanten ein insgesamt positives Lebensgefühl in der Stadt. "Es gibt mehr Arbeitsplätze, und es ziehen auch viele Menschen aus Frankfurt hierher", sagt eine Frau.
Die Entwicklung der Stadt sieht sie insgesamt positiv. Gleichzeitig wünscht sie sich weitere Verbesserungen, etwa bei der Ausstattung von Schulen während der zunehmend heißen Sommermonate. Auch andere Bürgerinnen und Bürger benennen Herausforderungen. Eine alleinerziehende Mutter schildert Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Jobsuche.
Nicht alles ist rosarot
Hakan betreibt seit 25 Jahren einen Obst- und Gemüsestand auf der Frankfurter Straße. Er erlebt den täglichen Wandel der Stadt aus nächster Nähe. "Die Kaufkraft lässt stark nach. Angebot und Nachfrage sind nicht mehr da wie früher", sagt er. Die wirtschaftlichen Veränderungen seien auch in der Offenbacher Innenstadt spürbar. Immer mehr Geschäfte schließen, wie Hakan beobachtet.
Laut dem Institut der Wirtschaft war die Kaufkraft in Offenbach 2024 eine der niedrigsten in ganz Deutschland. Insbesondere im Nordend leben viele Menschen aus ärmeren Verhältnissen und mit niedrig bezahlten Jobs.
Gleichzeitig blickt der Obst- und Gemüsehändler Hakan auf eine Stadt, die trotz aller Herausforderungen von ihrer Vielfalt lebt. Menschen unterschiedlichster Herkunft gehörten seit Jahrzehnten selbstverständlich zur Stadt, sagt er. Ähnlich sieht es Lino, der seit 63 Jahren in Offenbach lebt. Große Probleme habe er bislang nicht erlebt, berichtet er.
Gemeinsam statt gegeneinander
Auffällig ist, dass viele Befragte ein starkes Gemeinschaftsgefühl beschreiben. Statt gesellschaftliche Konflikte in den Vordergrund zu stellen, sprechen sie von Zusammenhalt, gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft, Probleme gemeinsam anzugehen. "Die Menschen verstehen den Wandel in der Politik und sehen, wo Bedarf ist", sagt Lukas.
Der Offenbacher Sozialdezernent Martin Wilhelm (SPD) betont, es sei wichtig, nicht nur zu schimpfen, sondern mit allen Menschen ins Gespräch zu kommen.
Wenige Stimmen für AfD bei Kommunalwahl
Bei der vergangenen Kommunalwahl erreichte die AfD in Offenbach lediglich 3,5 Prozent der Stimmen und blieb damit deutlich hinter ihren Umfragewerten auf Landes- und Bundesebene zurück.
Experten führen dieses Ergebnis jedoch nicht allein auf die besondere Bevölkerungsstruktur der Stadt oder das vielfältige Zusammenleben zurück. Auch parteiinterne Probleme spielten eine Rolle. Vor der Wahl geriet die Offenbacher AfD immer wieder durch öffentliche Streitigkeiten, Personalkonflikte und den Ausschluss von Funktionsträgern in die Schlagzeilen. Dadurch verkleinerte sich die Kandidatenliste der Partei erheblich.

Investitionen in die Zukunft
Die Stadt versucht, auf die veränderten Erwartungen ihrer Einwohnerinnen und Einwohner zu reagieren. In den vergangenen Jahren wurden in Offenbach Straßen saniert, viele neue Wohnungen gebaut, der Ausbau des Hochschulcampus vorangetrieben und wichtige Infrastrukturprojekte weitergeführt. In einer Erhebung zu den wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands hat Offenbach einen riesigen Sprung nach vorne gemacht.
Stolz ist man auch auf das städtische Krankenhaus. Das Sana-Klinikum Offenbach zählt laut einer Studie des FAZ-Instituts zu den besten Krankenhäusern Deutschlands in seiner Größenklasse. Auszeichnungen erhielt es unter anderem für seine Kardiologie, Frauenheilkunde und Notfallversorgung.
Außerdem investiert die Stadt in Bildung und Ausbildung von Jugendlichen. Programme wie Bewerbungs-AGs, AzubiConnect oder das IdeA-Programm sollen jungen Menschen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern. Nach Angaben der Stadt wurden dadurch bislang mehr als 150 Jugendliche erreicht und teilweise erfolgreich in Ausbildungsplätze vermittelt.
Sozialdezernent: "Nur schimpfen hilft nicht"
Das Offenbacher Projekt Heroes wurde sogar mit dem Hessischen Sozialpreis ausgezeichnet. Es versucht, jungen Männern Themen wie Gleichberechtigung und Gewaltprävention nahe zu bringen. So soll frühzeitig gesellschaftliche Verantwortung gestärkt werden.
Für Sozialdezernent Wilhelm sind Gesprächsangebote für die unterschiedlichen Bedürfnisse entscheidend für den Zusammenhalt in einer vielfältigen Stadt. Regelmäßige Bürgersprechstunden, Besuche bei Vereinen und Stadtteilfesten, aber auch Kneipentouren sollen dazu beitragen, Sorgen frühzeitig aufzugreifen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Dabei gehe es vor allem darum, Menschen ernst zu nehmen, sagt Wilhelm: "Nur schimpfen hilft nicht." Man müsse zuhören, Probleme erkennen und anschließend handeln, so gut es geht.
Alltag gemeinsam gestalten
Trotz wirtschaftlicher Herausforderungen, wachsender Einwohnerzahl und unterschiedlicher Interessen wirkt Offenbach auf viele seiner Bewohnerinnen und Bewohner erstaunlich gelassen. Es bleibt das Gefühl bestehen, dass die meisten Menschen hier nicht gegeneinander, sondern miteinander leben wollen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus den Gesprächen auf den Straßen Offenbachs: Nicht die Unterschiede prägen das Bild der Stadt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen verschiedenster Herkunft ihren Alltag gemeinsam gestalten.