14.04.2026: "Rundfunkerinnerungen" mit dem "Ingenieur der Umbrüche" Michael Albrecht
Er war Kameramann für die DEFA und das DDR-Fernsehen. In den umwälzenden Veränderungen nach dem Herbst '89 wurde er gleichsam über Nacht der letzte Intendant des Deutschen Fernsehfunks (DFF). Er leitete den Prozess der Abwicklung des DDR-Staatsfernsehens und bereitete den Weg in ein demokratisches, öffentlich-rechtliches Mediensystem.
Nach der Gründung des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) wurde er der erste Fernsehdirektor der neuen Landesrundfunkanstalt. Zuletzt setzte er als Koordinator Digitales Fernsehen wichtige Akzente in der technischen und organisatorischen Transformation: Michael Albrecht – ein Ingenieur der Umbrüche.
Vogelperspektive Zeitzeugengespräch.
Auf Einladung der Historischen Kommission der ARD war Michael Albrecht für ein Zeitzeugengespräch zu Gast im Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg.
Das Publikum konnte erfahren, wie Albrecht zum Filmemachen gekommen ist, vor allem aber einer seltenen Innenperspektive auf die Umbruchsjahre 1989 bis 1991 beiwohnen.
Seine Erfahrungen verdeutlichen, wie komplex und widersprüchlich die Transformation des DDR-Mediensystems war: geprägt von Aufbruch und Gestaltungswillen, aber ebenso von Unsicherheiten, Druck und menschlichen Schicksalen. Das Gespräch gibt Einblicke in die persönlichen Handlungsspielräume, Einschätzungen und Entscheidungen inmitten der großen Umbrüche.
"Wenn das möglich ist, dann muss ja was gehen in diesem Land."
Die politischen Veränderungen des Jahres 1989 erlebte Albrecht nicht nur als Beobachter, sondern als aktiver Teil eines Systems im Wandel. Im Gespräch schildert er, warum es ein Symbol des Aufbruchs war, dass die Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 vom DDR-Fernsehen übertragen wurde. Infolgedessen nahm er wahr, wie sich Medienschaffende an den Reformprozessen beteiligten: Stimmen in den Berufsverbänden forderten, die staatliche Kontrolle über die Medien zu beenden und Presse- sowie Meinungsfreiheit zu verankern. In kurzer Zeit wurden entsprechende Vorschläge erarbeitet, die Anfang 1990 in ein neues Mediengesetz mündeten.
"Wie die Jungfrau zum Kinde."
Mit der Dynamik der Ereignisse änderte sich auch Albrechts eigene Rolle grundlegend. Aus dem leidenschaftlichen Kameramann wurde innerhalb weniger Monate eine Führungspersönlichkeit im Zentrum der Umgestaltung. Seine Berufung zum Generalintendanten des Deutschen Fernsehfunks erfolgte in einer Phase, in der sich politische, wirtschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen nahezu täglich verschoben.
Michael Albrecht und Moderator Johannes Unger.
"Man muss an solchen Stellen auch mal fahrlässig mutig sein."
Die Verantwortung war enorm, zugleich musste unter hohem Zeitdruck entschieden und gehandelt werden. Ziel war es, das DDR-Fernsehen in eine Struktur zu überführen, die im vereinten Deutschland Bestand haben konnte, "die auf lange Sicht etwas Positives bewirken" konnte. Dazu gehörten der Aufbau regionaler Strukturen, technische Umstellungen sowie die schrittweise Integration in die neue Rundfunklandschaft. Wie konkret diese Entscheidungen waren, zeigt eine Anekdote aus dieser Zeit: Die Umstellung der Farbfernsehnorm von SECAM auf PAL entschied letztlich der Generalintendant "ganz einsam", wie er sagt. Am nächsten Tag war das System umgestellt.
"Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war das eine grauenvolle Geschichte."
Neben den organisatorischen und politischen Herausforderungen blieb vor allem eine Erfahrung prägend: die Folgen der Transformation für die Beschäftigten. Der drastische Personalabbau und die Auflösung gewachsener Strukturen bedeuteten für viele das Ende ihrer beruflichen Existenz. Während im Hintergrund Konzepte geschrieben und Sendepläne angepasst wurden, bedeutete dies für viele ganz konkret: Abschied nehmen, neu anfangen, oft ohne Perspektive.
Die Abschaltung des DDR-Fernsehens zum Jahresende 1991 markierte schließlich das Ende dieses Prozesses. Zuvor lief noch einmal ein großes Unterhaltungsprogramm, dann wurde der Sendebetrieb eingestellt. Auch für ihn persönlich war der letzte Tag "grauenvoll".
"Der Zug fährt jetzt ohne dich weiter."
Nach der Auflösung des DDR-Fernsehens setzte sich Albrechts Wirken beim Aufbau neuer Rundfunkstrukturen fort, unter anderem als Fernsehdirektor beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB), zuletzt als Digital-Koordinator bei der ARD. Auf die Frage, was er vielleicht im Rückblick ändern würde, antwortet Albrecht, dass er eigentlich ganz gerne noch ein paar Filme gemacht hätte.
Am Ende bleibt das Bild eines Pragmatikers, der unter extremen Bedingungen versuchte, Ordnung in den Wandel zu bringen – eben ein "Ingenieur der Umbrüche". Aber auch seine Filme werden bleiben: langzeitgesichert und zugänglich im Deutschen Rundfunkarchiv.
Das Gespräch wurde gefilmt und steht hier zur Verfügung:
Transkript und Zusammenfassung erstellt unter Nutzung von KI.